Kinder und Jugendliche mit Substanzgebrauchsstörung

Dr. Darius Chahmoradi Tabatabai

Die Gesetzesänderung aus dem April 2024 zum Umgang mit Cannabis führt laut dem Zwischenbericht der EKOCAN-Studie nur zu leichten Veränderung der Prävalenz von cannabisbezogenen Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Hinsichtlich weiterer stoffgebundener und nicht stoffgebundener Störungen beobachten wir jedoch ein – mehr oder weniger starkes – Wachstum von Prävalenzen. Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Entwicklung der Behandlungskapazitäten für Kinder und Jugendliche in Deutschland, zeichnet sich eine alarmierende Tendenz ab: Sowohl im Bereich der Akutbehandlung im Krankenhaus (stationäre Entzugsbehandlung) als auch in der ambulanten und stationären Rehabilitation (Langzeittherapie) beobachten wir einen Rückgang an Behandlungsplätzen.

Dies hat Auswirkungen auf die Hilfen zur Notunterbringung: Dort kommt es durch Überbelegung immer wieder zu prekären Situationen und damit einhergehenden Gefährdungen der Kinder und Jugendlichen. Auch das Personal in den Einrichtungen ist gefährdet, da Gewaltprävention unter den Bedingungen oft nur lückenhaft aufrecht zu erhalten ist. 

In den folgenden Interviews gewähren Fachleute aus verschiedenen Hilfeangeboten für Kinder und Jugendliche einen Blick in die Versorgungspraxis. Sie beleuchten die Situation, zeigen Schwachstellen auf und benennen, wie diese behoben werden können.

Ihre Aussagen werfen die Frage auf, ob wir die Situation von Kindern und Jugendlichen ausreichend fokussieren. Die demographische Entwicklung in Deutschland legt nahe, dass eine Zunahme von psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen schwerwiegende gesellschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen wird. Es muss mit Teilhabeeinschränkungen gerechnet werden, die sich negativ auf die ohnehin angespannten Sozialversicherungssysteme auswirken. Investitionen in Hilfen für Kinder und Jugendliche sind Investitionen in unsere gesellschaftliche Zukunft, wie ein Gutachten von Wido Geis-Thöne und Axel Plünnecke aus dem Jahr 2024 aufzeigt (Investitionen in Kinder wirkungsvoll gestalten – Institut der deutschen Wirtschaft (IW)).

Die Anfang Februar 2026 vom Bundesamt für Statistik veröffentlichten Armutszahlen lassen jedoch darauf schließen, dass diese Chance nicht erkannt wird. So haben Alleinerziehende besonders häufig ein Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze (weniger als 60 Prozent des mittleren Äquivalenzeinkommens der Gesamtbevölkerung). Auf 28,7 Prozent der Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten traf das 2025 zu.

Kinder und Jugendliche mit risikoreichem Substanzkonsum brauchen adäquate Hilfeangebote. Ein Rückgang an Behandlungs- und Betreuungsplätzen für junge Menschen beschneidet die Zukunft der gesamten Gesellschaft. Wenn junge Menschen rechtzeitig unterstützt werden, stärkt und vitalisiert das alle!

Dr. Darius Chahmoradi Tabatabai
MBA, Geschäftsführung und Ärztliche Leitung, Drogentherapie-Zentrum Berlin gGmbH; KONTUREN-Fachbeiratsmitglied


Constanze Froelich

Fachreferentin Jugend- und Familienhilfe, Kinderschutzbeauftragte, Drogennotdienst Berlin gGmbH
Dipl.-Päd. und Entwicklungspsychologin, Sucht- und Familientherapeutin

Welche Veränderungen beobachten Sie im Konsumverhalten von Kindern und Jugendlichen?

Kinder und Jugendliche konsumieren seit der Coronapandemie weitaus mehr sedierende Medikamente. Alprazolam, auch Xanax genannt, wird auch von sehr jungen Konsument:innen über den digitalen Markt erworben. Da seit der Pandemie die Verfügbarkeit von allen Substanzen durch Lieferdienste massiv gestiegen ist, hat sich auch der Mischkonsum bei Kindern und Jugendlichen deutlich verschärft. Auch wenn bei den meisten unserer 13-jährigen Klient:innen noch keine Abhängigkeitssymptomatik vorliegt, so konsumieren sie häufig lebensgefährlich. Des Weiteren beobachten wir schon seit längerem, dass sowohl synthetische Cannabinoide als auch Schnüffelstoffe wieder auf dem Vormarsch sind. Die Lachgaswelle von vor zwei Jahren ebbt gerade wieder ab, aber die Zahlen zum Konsum von synthetischen Opioiden steigen, wie auch im Erwachsenenbereich, langsam an. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen mit komplexen Hilfebedarfen (sogenannten Systemsprengern) erleben wir einen massiven Anstieg des Konsums dieser Substanzgruppen.

Wie beurteilen Sie den Stellenwert von Kinderschutz und die dafür zur Verfügung stehenden Ressourcen in unserem Gesundheits- und Gesellschaftssystem?

Ich kann für Berlin sagen, dass die Senate Jugend und Gesundheit dieses Jahr endlich wieder mit der Erarbeitung eines Leitfadens Kinderschutz in Suchthilfe, Jugendhilfe und Gesundheit begonnen haben. Da ich von der Liga Berlin (Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege) gesandt wurde, um bei dieser Erarbeitung mitzuwirken, versuche ich, besonders für Kinder aus suchtbelasteten Familien, minderjährige Konsument:innen und den pränatalen Kinderschutz darin einen besonderen Stellenwert aus Sicht der Suchthilfe mitzugestalten. Dieser Leitfaden wird dann flächendeckend in Berlin in verbindlichen Kooperationsvereinbarungen umgesetzt. Bislang agiert jeder der zwölf Berliner Bezirke wie eine eigenständige Großstadt und wendet seine jeweils eigene Handhabung an.

Wo sehen Sie die größten Veränderungsbedarfe, z. B. in der Prävention?

Den größten Veränderungsbedarf sehe ich in der Aus- und Weiterbildung der Suchtberater:innen und Sozialarbeiter:innen in allen Bereichen – von den niedrigschwelligen Angeboten wie Straßensozialarbeit über die Suchtberatungsstellen hin zu stationären Angeboten des betreuten Wohnens als auch zu anderen Formen der stationären Suchthilfe. Erst, wenn dort der Fokus stärker auf das Familiensystem gelegt wird, werden wir die Kinder aus suchtbelasteten Familien erkennen und gezielt früher Hilfe anbieten können. Die suchtspezifischen Schulungen von Fachkräften in Kita, Schule und der öffentlichen als auch freien Jugendhilfe müssen weiter ausgebaut werden, um der Stigmatisierung entgegenzuwirken und die betroffenen Kinder mit ihren Hilfebedarfen sichtbar zu machen.


Dr. Frank M. Fischer

Oberarzt, AUF DER BULT, Kinder- und Jugendkrankenhaus, Hannover
Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Familientherapie, Suchtmedizin, Traumatherapie, EMDR, Philosophy of Mind, cMD

Wie hat sich der Klinikalltag in Ihrer Abteilung in den letzten Jahren entwickelt?

Der Klinikalltag ist schwieriger geworden, die Gründe dafür sind vielschichtig:

a) Die Patient:innen haben komplexe Erkrankungen und eine hohe Komorbidität. Sie sind entsprechend schwerer zu halten, brechen schneller ab und haben weniger Motivation für die Realitätskonfrontation eines klinischen Aufenthaltes. Die Realitätsflucht hat sicher auch durch Social Media und digitalen Bindungsersatz zugenommen.

b) Drogenkonsum: Es findet ein starker Mischkonsum statt. Es gibt keine Modedroge im Moment, außer vielleicht Opiate, die vermehrt konsumiert werden. Tilidin, Fentanyl und Oxycodon tauchen gehäuft auf. Das ist sehr bedenklich, und es ist zu vermuten, dass ein Trend, den wir aus den USA kennen, jetzt auch bei uns ankommt. Der Entzug von Opiaten ist schwierig und führt häufig zu Abbrüchen, einige Jugendliche drängen schon früh in die Substitution. Das ist unbedingt bei Jugendlichen zu vermeiden.

c) In Kliniken fehlt es allgemein an Pflege-Fachkräften. Mitarbeiter kündigen oder reduzieren ihre Stunden, Work-Life-Balance steht immer mehr im Vordergrund der Arbeitsplatzsuche. Die neu eingestellten jungen Mitarbeiter:innen haben oft weniger Berührungspunkte mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder eine entsprechende Ausbildung, dafür gibt es mehr Kränkungspotenzial.

d) Insgesamt wächst der ökonomische Druck auf Kliniken und das Helfersystem. Jeder weiß, dass die Sozialausgaben gesenkt werden sollen bzw. müssen.

Wie beurteilen Sie die Kapazität der Hilfen, die für Kinder und Jugendliche zur Verfügung stehen?

An Kapazität fehlt es primär im Bereich Jugendhilfe. Wir arbeiten im Suchtbereich viel mit sogenannten Systemsprengern, die nach der Therapie eine Jugendhilfeeinrichtung brauchen, die sich professionell mit Sucht und Trauma auskennt und die Arbeit, die auf Station begonnen hat, weiterführen kann. Außerdem gehen viele Patient:innen zwischen Klinikangebot und Jugendhilfe „verloren“. Diese Jugendlichen müssten unter geschützten Bedingungen „gehalten“ werden, indem sie eine therapeutische Behandlung bekommen, ohne weglaufen zu können. Geschützte Jugendhilfeeinrichtungen sind dringend nötig, was ich seit über 15 Jahren politisch thematisiere.

Wie schätzen Sie die Folgen der Krankenhausreform für Ihren Arbeitsbereich ein? 

Das ist aus meiner Sicht noch nicht einschätzbar. Im Bereich klinische stationäre Suchttherapie mit Kindern und Jugendlichen ist wichtig, dass die Behandlung weiterhin die Arbeit mit Bindungsstörungen und Trauma als Grundkonzept vorsehen kann. Eine ausreichende Zeitdauer ist dafür notwendig und sollte von den Krankenkassen auch bezahlt werden.  


Behandlungsverbund Fachklinik Bokholt im Kreis Pinneberg (Adoleszenten-Entzug) und Fachklinik COME IN! in Hamburg-Moorfleet (Kinder- und Jugendreha)

Theresa Riedel
Oberärztin im Adoleszenten-Entzug, Fachklinik Bokholt, Bokholt-Hanredder, Therapiehilfe gGmbH
Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Henning Faulenbach
Leitender Arzt der Fachklinik COME IN!, Medizinische Rehabilitation für Kinder und Jugendliche mit Abhängigkeitserkrankungen, Hamburg, Therapiehilfe gGmbH
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Lisa Joester
Klinikleitung, Einrichtungsleitung Reintegration, Fachklinik COME IN!, Medizinische Rehabilitation für Kinder und Jugendliche mit Abhängigkeitserkrankungen, Hamburg, Therapiehilfe gGmbH

Wie beurteilen Sie die Schnittstelle zwischen der Akutbehandlung (Kinder- und Jugendpsychiatrie) und der Rehabilitation (Entwöhnung)?

Diese Schnittstelle ist flächendeckend so gut wie gar nicht vorhanden, und die Übergänge zwischen kinder- und jugendpsychiatrischer Akutbehandlung sowie der suchttherapeutischen Rehabilitation sind oft unzureichend organisiert. Viele Kinder- und Jugendpsychiatrien führen gar keine Entzugsbehandlungen durch und nehmen Suchtpatient:innen nur ungern auf. Entsprechend ist oft kaum Wissen über die ohnehin wenigen Reha-Angebote für Minderjährige und auch über das Antragswesen vorhanden. Gerade bei Jugendlichen mit komplexen psychischen und sozialen Belastungen entstehen häufig Brüche und Verzögerungen, da Zuständigkeiten unklar sind und die Kooperation zwischen Psychiatrie, Jugendhilfe und Suchthilfe oft nicht systematisch funktioniert. Dadurch erhalten viele Jugendliche keine durchgehende Begleitung und Stabilisierung, was den Behandlungserfolg gefährdet und das Risiko von Rückfällen erhöht.

Zudem zeigt sich, dass suchtkranke Jugendliche häufig aufgrund ihrer Problematik oder Stigmatisierung von einzelnen Einrichtungen nur zögerlich oder ungern aufgenommen werden. In einigen Kinder- und Jugendpsychiatrien fehlt auch die wichtige Stelle der Sozialpädagog:innen, die sich in dem Bereich auskennen könnten. Wenn die wenigen Angebote bundesweit bekannt wären bzw. auch gesundheitspolitisch gefördert würden, dann könnten mehr aufeinander aufbauende Behandlungsverläufe realisiert werden. Wobei auch die auskömmliche Finanzierung bei den hohen pädagogischen Bedarfen gewährleistet werden muss.

Leider haben suchtkranke Kinder und Jugendliche kaum eine Lobby. Um diese Situation zu verbessern, sind verbindliche Strukturen, gute Kooperationen und eine enge Zusammenarbeit aller beteiligten Einrichtungen unverzichtbar, damit die Betroffenen eine nachhaltige und kontinuierliche Therapie erfahren können.

Wie viele Kinder und Jugendliche kommen bei Ihnen aufgrund fehlender Kapazitäten im Entzugsbereich nicht an?

Diese Frage ist aus unserem regionalen Blickwinkel nur schwer zu beantworten. Wir gehen davon aus, dass die meisten über 16-Jährigen ankommen, weil hier grundsätzlich auch eine Behandlung durch Erwachsenen-Psychiater:innen möglich ist.

Es ist aber zu vermuten, dass es für Jugendliche nicht genügend Plätze gibt, gerade auch im ländlichen Bereich, hier bestehen teilweise sehr lange Anfahrtswege. Besonders dramatisch ist die Situation bei Jugendlichen unter 16 Jahren. Für diese Altersgruppe sind in Deutschland kaum spezialisierte Entgiftungsplätze vorhanden, obwohl die Zahl substanzabhängiger oder -gefährdeter Jugendlicher in diesem Alter wächst. Viele Einrichtungen nehmen unter 16-Jährige grundsätzlich nicht auf, weil die medizinischen und rechtlichen Rahmenbedingungen kompliziert sind und weil es schlicht an spezialisierten Konzepten für diese Altersgruppe fehlt. Kinder- und Jugendpsychiatrien spielen hier eine Schlüsselrolle, die meisten sind jedoch nicht suchtmedizinisch spezialisiert und verfügen selten über spezifische Konzepte zur Behandlung substanzbezogener Störungen.

Aus unserer Sicht ist es besorgniserregend, dass Sorgeberechtigte die Überlegung äußern, ihre Kinder zu Hause entgiften zu wollen mangels verfügbarer professioneller Entzugsangebote. Gerade bei Substanzen mit hohem körperlichem Abhängigkeitspotenzial wie Benzodiazepinen, Opiaten oder Alkohol ist dies mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden. In der Folge verliert das System hochbelastete Jugendliche. Aus fachlicher Sicht ist das eine massive Versorgungslücke. Es braucht ein auf die Realität junger Suchtpatient:innen abgestimmtes Versorgungskonzept mit ausreichend Entzugsplätzen und gezielten, altersgerechten Therapieangeboten, insbesondere auch für unter 16-Jährige.

Welche Perspektiven eröffnen sich für Kinder und Jugendliche durch eine Therapie in Ihrem Haus?

In der Regel bestehen nach dem Entzug Möglichkeiten zur Weiterbehandlung in der Reha, teils nahtlos, teils zeitnah (ein bis drei Monate). Der Anschluss an ambulante Hilfen wird auch häufig gebahnt. Weitervermittlung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist praktisch unmöglich, weil hier die Wartezeiten lang sind und Übernahmen nicht unkompliziert von statten gehen.

Die Behandlung in der Reha eröffnet den Jugendlichen vielfältige Perspektiven, die ihnen helfen können, ihr Leben wieder in eine positive Richtung zu lenken:

  • Abstinenz und mehr Gesundheit
  • Persönliche Entwicklung: Kinder und Jugendliche können lernen, mit ihren Problemen umzugehen, Selbstvertrauen aufzubauen und ihre Fähigkeiten zu stärken. Stärkung von Teilhabe und Resilienz
  • Verbesserung der sozialen Beziehungen: Die Therapie bietet die Möglichkeit, Konflikte zu klären, Vertrauen wiederaufzubauen und stabile Beziehungen zu Familie und Freunden zu entwickeln.
  • Einleitung von Hilfen bei der Sicherung der Grundbedürfnisse: z. B. Finanzen, Ernährung, Unterkunft, Kleidung und Gesundheitsversorgung
  • Schulische und berufliche Perspektiven: Mit einer erfolgreichen Behandlung steigt die Chance, wieder am Schulunterricht teilzunehmen, Abschlüsse zu machen oder berufliche Ziele zu verfolgen. Wir übernehmen dabei eine vermittelnde und begleitende/vorbereitende Rolle.
  • Prävention weiterer Probleme: Die Therapie kann helfen, Ursachen für die Sucht zu erkennen und Strategien zu entwickeln, um Rückfälle zu vermeiden.
  • Unterstützung durch Fachkräfte: Jugendliche erhalten professionelle Begleitung, die auf ihre individuellen Bedürfnisse eingeht und sie auf ihrem Weg betreut. Insgesamt eröffnet eine Reha bei Suchterkrankungen die Perspektive auf ein selbstbestimmtes, gesundes und glückliches Leben, in dem sie wieder Kontrolle über ihre Zukunft gewinnen.

Unsere Therapie bietet Jugendlichen einen geschützten Raum, in dem sie belastende (Sucht)Erfahrungen verarbeiten und zugleich wichtige Bindungserfahrungen machen können. In unserem multiprofessionellen Team fördern wir nicht nur die körperliche Entwöhnung, sondern auch die psychische Nachreifung und ein tiefes Verständnis der Sucht als komplexe Erkrankung.

Durch gruppentherapeutische Angebote stärken die Jugendlichen ihre sozialen Kompetenzen und erlernen alternative Strategien zur Bewältigung von Herausforderungen. Das lebenspraktische Training bereitet sie gezielt auf den Alltag vor, während Ergo- und Kunsttherapie kreative Ausdrucksformen eröffnen und die Selbstwahrnehmung fördern.

Ein integraler Bestandteil der Behandlung ist die schulische Förderung, die dazu beiträgt, Bildungsziele zu sichern und Perspektiven zu eröffnen. Gleichzeitig arbeiten wir mit den Angehörigen zusammen, um nachhaltige Unterstützung und positive Veränderungen im familiären Umfeld zu ermöglichen. Vielfältige Freizeitangebote ermöglichen den Jugendlichen, außerhalb der Therapie positive Erfahrungen zu sammeln, ihre Selbstwirksamkeit zu stärken und möglicherweise neue Hobbys zu entdecken.

Die individuelle Nachsorgeplanung bezieht neben der Familie auch weitere wichtige Bezugspersonen und Einrichtungen wie Wohngruppen oder Schulen mit ein, um die im Therapieprozess erarbeiteten Ziele langfristig im Alltag umzusetzen und Rückfälle zu vermeiden. So schaffen wir für die Jugendlichen eine stabile Basis, um ihren Weg zu einem möglichst selbstbestimmten und suchtfreien Leben zu unterstützen.


Friederike Neugebauer

Geschäftsführerin, Bündnis Kinder- und Jugendreha e. V. (BKJR), www.kinder-und-jugendreha-im-netz.de

Was sind die Voraussetzungen dafür, dass Kinder und Jugendliche eine medizinische Rehabilitation bei Abhängigkeitserkrankungen antreten können?

Voraussetzung ist zunächst eine ärztlich gesicherte Diagnose – entweder die einer Abhängigkeitserkrankung oder, im Unterschied zur Erwachsenenrehabilitation, bereits die eines schädlichen Gebrauchs. Damit soll frühzeitig interveniert und einer Chronifizierung entgegengewirkt werden. Wichtig ist außerdem, dass die Kinder bzw. Jugendlichen grundsätzlich rehafähig sind, also ein gewisses Maß an Stabilität und Motivation mitbringen. Bei stoffgebundenen Süchten ist in der Regel ein vorangegangener Entzug erforderlich.

Der Zugang erfolgt meist über Ärztinnen und Ärzte, Suchtberatungsstellen oder die Jugendpsychiatrie. Ein entsprechender Antrag bei der zuständigen Krankenkasse oder Rentenversicherung stellt die formale Voraussetzung dar, wobei die komplexen Antragswege für Familien oft schwer durchschaubar sind. Hier braucht es dringend mehr Transparenz und Unterstützung. Deshalb stellt das Bündnis Kinder- und Jugendreha zum einen auf seiner Website www.kinder-und-jugendreha-im-netz.de umfassende Informationen zu Rehakliniken, Antragsformularen, Indikationen und dem Weg in die Reha bereit und bietet zum anderen auch persönliche Beratungen für Fachkräfte und Familien an.

Wie groß ist der Bedarf an Kinder- und Jugendreha bei Abhängigkeitserkrankungen? Kann dieser gedeckt werden?

Der Bedarf ist erheblich, die Versorgungslage jedoch unzureichend. Studien zeigen, dass 15 bis 18 Prozent der Jugendlichen in Deutschland eine substanzbezogene Störung aufweisen – Substanzkonsum ist zudem eine der häufigsten Todesursachen in der Adoleszenz. Bundesweit stehen derzeit nur drei spezialisierte und von der DRV zugelassene Einrichtungen für die Kinder- und Jugendrehabilitation mit knapp 90 Plätzen zur Verfügung, während die Erwachsenenrehabilitation über mehr als 37.000 Betten verfügt. Diese Diskrepanz ist alarmierend und zeigt eine deutliche Versorgungslücke auf. Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche längere Eingewöhnungsphasen, altersgerechte therapeutische, medizinische und pädagogische Konzepte, Schulunterricht und eine 24-Stunden-Betreuung benötigen. Denn Rehabilitation bedeutet für Kinder und Jugendliche nicht „nur“ Abstinenzerlangung, sondern auch die Chance, Teilhabe zurückzugewinnen, Gesundheit zu stärken und Zukunftsperspektiven neu zu gestalten. Das macht ihre Rehabilitation komplexer und aufwendiger – und zeigt umso deutlicher, dass die wenigen vorhandenen Angebote den tatsächlichen Bedarf nicht decken können.

Welche Faktoren erschweren oder verhindern es, dass alle Kinder und Jugendlichen, die von einer Rehabilitation bei Abhängigkeitserkrankungen profitieren würden, auch eine erhalten?

Die größte Hürde ist die fehlende Versorgungsstruktur. Es gibt viel zu wenige spezialisierte Kliniken, und wirtschaftliche Rahmenbedingungen führen dazu, dass die bestehenden Angebote unter hohem Druck stehen bzw. Schließungen sogar bereits stattgefunden haben. Kinder und Jugendliche selbst sehen den Bedarf nicht immer ein, und es fehlen niederschwellige, motivierende Angebote – speziell für diese Zielgruppe –, die in eine Reha überleiten können.

Dazu kommen bürokratische Hürden und komplexe Antragsverfahren, die den Zugang erschweren, sowie die Stigmatisierung von Abhängigkeitserkrankungen im Kinders- und Jugendalter, die Familien und Institutionen häufig davon abhält, rechtzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen. Besonders problematisch ist außerdem, dass Jugendliche oft in Erwachsenenkliniken untergebracht werden, obwohl ihre Bedarfe grundlegend anders sind – sowohl in Bezug auf therapeutische Konzepte als auch hinsichtlich der personellen und strukturellen Voraussetzungen in den Kliniken.

Und schließlich mangelt es an verlässlicher Vernetzung zwischen Jugendhilfe, Schule, Suchthilfe und Medizin. Die Folge ist, dass viele Kinder und Jugendliche durchs Raster fallen, weil Zuständigkeiten unklar sind.

Um die Versorgungslage nachhaltig zu verbessern, brauchen wir daher dringend einen Ausbau von spezialisierten Reha-Einrichtungen, verbindliche Qualitätsstandards für die Kinder- und Jugendrehabilitation bei Abhängigkeitserkrankungen, eine gesicherte Finanzierung und eine klare Botschaft, nämlich: Abhängigkeitserkrankungen müssen auch im Kindes- und Jugendalter gezielt behandelt werden können, um jungen Menschen eine echte Zukunftsperspektive zu eröffnen und ihre Teilhabechancen zu fördern!


Judith Noé

Kinderschutzkoordination, Jugendamt – Familienunterstützende Hilfen und Kinderschutz Friedrichshain-Kreuzberg, Berlin

Wie beurteilen Sie die Effektivität der Prävention für Kinder aus suchtbelasteten Familien?

Ich bin in einem Berliner Jugendamt als Kinderschutzkoordinatorin tätig. In dieser Rolle stehe ich den Kolleg:innen des Jugendamtes sowie allen Menschen, die beruflich im Kontakt mit Minderjährigen und Erziehungsverantwortlichen stehen, beratend zur Verfügung. Zu meinen Aufgaben gehört es unter anderem, das bezirkliche Netzwerk Kinderschutz mit Leben zu füllen und somit dazu beizutragen, dass Kinder und Jugendliche gesund aufwachsen können.

Ein gesundes Aufwachsen setzt voraus, dass Kinder, Jugendliche und Familien, die mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sind, als diese erkannt und unterstützt werden. Präventionsangebote (die sich grundsätzlich an alle Kinder, Jugendlichen und Familien richten sollten) können hierbei einen wichtigen Beitrag leisten. Sie richten sich an alle und erfragen keine Problematiken.

  • Angenommen, es gäbe eine ausreichende Anzahl präventiver Angebote …
  • angenommen, diese würden tatsächlich von Kindern, Jugendlichen und Eltern genutzt, die mit dem Thema Sucht konfrontiert sind …
  • angenommen, dass die präventiven Angebote von pädagogischen, psychologischen, medizinischen Fachkräften begleitet würden, die sich mit der Thematik Sucht beschäftigt haben und somit wissen, wie sie Kinder aus suchtbelasteten Familien erkennen und wie sie mit Eltern ins Gespräch kommen können, so dass diese sich öffnen und über ihre Problematik mit wenig Angst und nachlassender Scham sprechen können …

… dann könnten wir vielleicht von einer Effektivität der Prävention für Kinder aus suchtbelasteten Familien sprechen. Wenn wir Kinder erkennen, die in suchtbelasteten Familien aufwachsen, und es gelingt, gut mit den Eltern in Kontakt zu kommen, dann könnten entsprechende Hilfen, zu denen auch spezielle präventive Angebote zählen, in Anspruch genommen werden. Wie effektiv diese sind, vermögen entsprechende Studien einzuschätzen, an deren Ergebnissen sich die präventiven Maßnahmen orientieren müssten.

Es spielen also etliche Konjunktive eine Rolle. Diese führen letztlich zu der Einschätzung, dass die Prävention für Kinder aus suchtbelasteten Familien nicht ausreichend ist. Aus meiner Sicht fehlt es an ausreichenden präventiven Angeboten. Es fehlen sowohl Programme, die sich an alle Kinder und Erziehungsverantwortlichen richten (z. B. in Kitas und Schulen), als auch präventive Unterstützungsangebote für Familien mit Suchtbelastung (z. B. Patenprojekte, spezielle Gruppenangebote).

Wo wünschen Sie sich eine Veränderung von Abläufen oder bei eingesetzten Ressourcen?

In der pädagogischen Ausbildung und in der pädagogischen Praxis mangelt es an ausreichendem Wissen zu der Thematik Kinderschutz insgesamt und auch zu dem Thema Sucht im Speziellen. Diese Tatsache trägt mit dazu bei, dass wir mit vielen Familien, in denen eine Suchtbelastung besteht, nicht in Kontakt kommen und somit den Erziehungsverantwortlichen auch keine präventiven Angebote anbieten können.

  • Ich wünsche mir, dass es selbstverständlich ist, dass in jeder Kita und jeder Schule präventive Angebote durchgeführt werden, die sich an Kinder, Eltern und die pädagogischen Fachkräfte wenden.
  • Ich wünsche mir, dass das Thema Kinderschutz in der pädagogischen, aber auch in der medizinischen und psychologischen Ausbildung mit Selbstverständlichkeit intensiv behandelt wird (und nicht ausschließlich als fakultativer Kurs zu wählen ist).
  • Ich wünsche mir, dass pädagogische, aber auch medizinische und psychologische Fachkräfte regelmäßig an Fortbildungen zum Thema Sucht teilnehmen, was voraussetzt, dass diese in ausreichendem Maß angeboten werden.
  • Ich wünsche mir, dass es funktionierende Netzwerke gibt, die bei Bedarf Kinder und Jugendliche in unterstützende Angebote vermitteln. Auch das setzt voraus, dass diese Angebote selbstverständlich in ausreichendem Maß vorhanden sind und deren Finanzierung selbstverständlich ist.