Warum hat uns die Evolution mit GefĂŒhlen ausgestattet?

GefĂŒhle spielen in unserem Leben eine große Rolle. Doch warum gibt es sie? Sind Emotionen eine Laune der Natur, oder war ihre Entstehung aus evolutionĂ€rer Sicht unausweichlich? Prof. Claudius Gros vom Institut fĂŒr Theoretische Physik der Goethe-UniversitĂ€t gibt in einer neuen Studie eine eindeutige Antwort.

Emotionale Reduktion von KomplexitÀt

Von ihrer Funktion her sind Emotionen abstrakte Kriterien, mit deren Hilfe selbst unterschiedliche TĂ€tigkeiten vergleichend bewertet und damit Ziele und Aufgaben effizient ausgewĂ€hlt werden können – so das Ergebnis der Studie von Prof. Claudius Gros, die seit Dezember 2021 online zu lesen ist.

EvolutionĂ€r ist alles vorteilhaft, was die Anzahl an Nachkommen erhöht. Wenn Verhaltensweisen nicht direkt genetisch gesteuert werden, also nicht durch Instinkte, muss ein Lebewesen in der Lage sein, die Folgen seines Handelns zu berechnen bzw. zu prognostizieren. Die RealitĂ€t ist jedoch komplex und damit chaotisch („Schmetterlingseffekt“). Daher können Auswirkungen prinzipiell nur begrenzt berechnet werden, was im Fall sozial organisierter Lebewesen nochmals schwieriger ist: In einer Gemeinschaft muss das Individuum zusĂ€tzlich die Absichten der anderen ausfindig machen. In diesem Zusammenhang wurde die „Theorie des sozialen Gehirns“ formuliert, der zufolge sich das menschliche Gehirn vor allem deshalb so rasch entwickelt hat, weil es vor der Aufgabe stand, die KomplexitĂ€t des sozialen Kontexts zu bewĂ€ltigen.

Kognitive FĂ€higkeiten, also Intelligenz, erweitern die Palette der Handlungsoptionen. Vom maschinellen Lernen wissen wir, dass die rechnerischen Anforderungen mit der KomplexitĂ€t der Problemstellung ĂŒberaus schnell ansteigen. Um Entscheidungen zu treffen, benötigen Lebewesen mit komplexen Handlungsoptionen daher einen Mechanismus, der die rechnerischen, d. h. die kognitiven, Anforderungen deutlich reduziert. Das ist es, was Emotionen ermöglichen.

Sehr unterschiedliche TĂ€tigkeiten können ein und dasselbe GefĂŒhl auslösen – zum Beispiel Langeweile, Aufregung, Befriedigung. So kann es genauso befriedigend sein, mit Freunden zu essen wie Geige zu spielen oder durch den Ärmelkanal zu schwimmen. Nach materiellen Kriterien ließen sich diese TĂ€tigkeiten kaum auf einen Nenner bringen, etwa danach, wie viel Geld dabei herauskommt. Funktional entsprechen Emotionen folglich abstrakten Bewertungskriterien, auch wenn sie als Empfindungen höchst real sein können. Individuen, die ĂŒber emotionale Entscheidungsmechanismen verfĂŒgen, versuchen ihre TĂ€tigkeiten so auszuwĂ€hlen, dass diese im Mittel mit ihrem „Charakter“ im Einklang sind. Dabei ist der Charakter mathematisch als eine Menge von PrĂ€ferenzen definiert: Wie hĂ€ufig strebt jemand – relativ gesehen – eher bequeme, spannende oder produktive TĂ€tigkeiten an?

Kognitive Regulation von Emotionen

Uns ist in der Regel nicht bewusst, wie viele biochemische Prozesse bestĂ€ndig in unserem Gehirn ablaufen. Die biologischen Grundlagen von Emotionen (die ‚neuronalen Korrelate‘) können wir dagegen in der Form von GefĂŒhlen wahrnehmen. Interessanterweise sind die dafĂŒr notwendigen neurobiologischen Strukturen phylogenetisch jung, d. h. erst bei höheren Affen voll ausgebildet. Diese Strukturen erlauben es, Emotionen ihrerseits kognitiv zu regulieren und somit den kognitiv-emotionalen Regelkreis zu schließen. Im umgekehrten Fall, also wenn uns die Evolution keine GefĂŒhle mitgegeben hĂ€tte, könnten wir unsere Emotionen, also die entsprechenden Gehirnprozesse, nicht regulieren. Das wĂŒrde der wissenschaftlichen Definition von „Zombies“ durch die beiden Neurowissenschaftler Christof Koch and Francis Crick entsprechen. Diese kann man als denkfĂ€hige Wesen ansehen, die Triebe haben, diese aber nicht kontrollieren können, da sie sich ihrer nicht bewusst sind.

Ein emotionales Kontrollsystem ist nicht nur fĂŒr Menschen und hochentwickelte nicht-menschliche Tiere von essentieller Bedeutung, sondern auch fĂŒr potentielle kĂŒnstliche Intelligenzen. Synthetische und biologische Emotionen mĂŒssen funktional Ă€quivalente Rollen erfĂŒllen, wogegen sie sich hinsichtlich der spezifischen AusprĂ€gungen unterscheiden können. Roboter-Emotionen werden sich nicht – wie in vielen Filmen dargestellt – sekundĂ€r entwickeln. Synthetische Emotionen sind vielmehr eine unabdingbare Voraussetzung fĂŒr eigenstĂ€ndig agierende universelle Intelligenzen, sofern es diese jemals geben sollte.

Originalpublikation:
Claudius Gros: Emotions as Abstract Evaluation Criteria in Biological and Artificial Intelligences. fncom.2021.726247

Pressestelle der Goethe-UniversitÀt Frankfurt a. M., 15.12.2021