Prävalenz von Smartphone-Abhängigkeit bei Erwachsenen in Deutschland

Damit zielgerichtete Versorgungs- und Präventionsangebote geplant werden können, ist es wichtig, die gesundheitliche Situation der Bevölkerung zu kennen. Epidemiologische Studien zu problematischer Onlinenutzung fokussieren sich in Deutschland überwiegend auf Kinder und Jugendliche. Zur Prävalenz von Smartphone-Abhängigkeit bei Erwachsenen in Deutschland gibt es bisher kaum repräsentative Daten.

Ziel der Kiqunu-Studie war es, die Prävalenz von Smartphone-Abhängigkeit bei Erwachsenen in Deutschland zu erfassen. Dabei wurden u. a. die folgenden Fragestellungen untersucht: Wie ist groß ist der Anteil von Personen mit abhängiger Smartphone-Nutzung? Welche Unterschiede gibt es bezüglich Alter, Geschlecht, Erwerbsstatus, Familienstand? Wie wird das Smartphone im Alltag genutzt? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen problematischer Smartphone-Nutzung, Gesundheit und Wohlbefinden? Ergänzend wurden die im Rahmen der Studie erhobenen Daten mithilfe KI-basierter Verfahren auf individuelle Muster untersucht, die mit problematischem Nutzungsverhalten zusammenhängen.

Dieser Artikel fasst ausgewählte Ergebnisse der deskriptiven statistischen Auswertung der Studie zur Prävalenz von Smartphone-Abhängigkeit zusammen. Weiterführende Analysen, darunter KI-basierte Auswertungen individueller Nutzungsmuster, befinden sich in der Vorbereitung. Die Ergebnisse werden voraussichtlich Ende des Jahres publiziert.

Methodik

In einem Querschnittsdesign wurden im Mai und Juni 2026 Daten von Erwachsenen in Deutschland über eine eigens dafür entwickelte Studien-App erhoben. Die Rekrutierung der Teilnehmenden erfolgte durch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie mehrere Online-Panels.

Zur Erfassung der Smartphone-Abhängigkeit kam eine angepasste Version der Compulsive Internet Use Scale (CIUS) zum Einsatz. Weitere validierte psychologische Skalen wurden zur Erfassung der psychischen Gesundheit eingesetzt.

Zusätzlich wurden die Smartphone-Nutzungsdaten der Teilnehmenden über einen Zeitraum von zwei Wochen erfasst (Mobile Sensing). Mithilfe dieser Daten können Rückschlüsse auf die Smartphone-Nutzung im Alltag gezogen werden. Zur Datenerhebung wurde eine Studien-App eingesetzt, die von den Teilnehmenden im Google Play Store heruntergeladen wurde.

Die in der Online-Umfrage erhobenen Daten wurden mit der Methode des Iterative Proportional Fitting (IPF) gewichtet, um möglichen Verzerrungen der Daten entgegenzuwirken. Der Gewichtungsfaktor wurde für Alter, Geschlecht und Bundesland angepasst. Die Berechnung der Gewichtungsfaktoren basiert auf Daten des Statistischen Bundesamtes. Durch die Gewichtung wurde die Stichprobe hinsichtlich Alter, Geschlecht und Bundesland an die Bevölkerungsstruktur der 18- bis 65-Jährigen in Deutschland angepasst.

Ergebnisse

An der Studie nahmen im Mai und Juni 2026 insgesamt 1.321 Personen teil. 36 fehlerhafte, auffällige oder unvollständige Datensätze wurden systematisch entfernt. Die Stichprobe umfasste nach Bereinigung 1.285 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren, davon waren 767 (60 %) weiblich und 518 (40 %) männlich.

CIUS-Score gesamt

Der Wertebereich des CIUS-Scores liegt zwischen 0 und 56. Ein Cut-off-Wert von 28 Punkten dient beim CIUS als Richtwert, um einen pathologischen oder suchtartigen Internetgebrauch zu erkennen. Gemessen am CIUS-Score erreicht rund jeder dritte Erwachsene (31 %) den Cut-off-Wert und zeigt damit Hinweise auf ein problematisches Nutzungsverhalten im Umgang mit dem Smartphone (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: CIUS (M, SD) und Verteilung des CIUS-Scores in der Stichprobe

Alterseffekt

Beim CIUS-Score zeigt sich ein klarer Alterseffekt: Je jünger die Erwachsenen, desto größer der Anteil der Betroffenen. Besonders ausgeprägt zeigt sich dies bei den 18- bis 29-Jährigen (55 %). Bei den 30- bis 39-Jährigen haben immerhin noch 40 % einen CIUS-Score >=28 (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Cut-off des CIUS nach Altersgruppen

Diskussion

Aus den Ergebnissen dieser Studie und ihrer Einordnung in den aktuellen Forschungsstand ergeben sich folgende Handlungsbedarfe:

  • Es sind repräsentative Studien für Deutschland notwendig, die Auskunft über die Prävalenz von Mediensucht bei Erwachsenen, basierend auf den Diagnosekriterien des ICD-11, geben.
  • Online-Plattformen spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Mediensucht, da ihr Design darauf ausgelegt ist, menschliche Aufmerksamkeit maximal zu binden. Die Politik ist gefordert, hier – z. B. durch das Verbot von „Dark Patterns“ – regulierend einzugreifen.
  • Um Betroffene und Angehörige zu unterstützen, sind Angebote zur Prävention notwendig, die sowohl am Individuum ansetzen als auch in Lebenswelten (z. B. Familie, Schule, Betrieb) stattfinden.
  • Mediensuchtprävention muss in den § 20 SGB V (Primäre Prävention und Gesundheitsförderung) als eigenständiges Gesundheitsziel aufgenommen werden.

Limitierungen

Eine wesentliche Einschränkung der Studie besteht darin, dass die Ergebnisse durch die Art der Rekrutierung möglicherweise von Personen stammen, die grundsätzlich an dem Thema interessiert sind oder selbst ein problematisches Smartphone-Verhalten aufweisen. Dadurch könnte eine Auswahlverzerrung vorliegen. Auch ist die Studie auf Personen beschränkt, die Smartphones mit dem Android-Betriebssystem nutzen.

Trotz dieser Einschränkung liefert die Studie wertvolle Hinweise zur Prävalenz von Smartphone-Sucht bei Erwachsenen.

Über das Forschungsprojekt

Das durch das Bundesministerium für Wirtschaft & Energie (BMWE) geförderte Forschungsprojekt wurde gemeinsam von der detoxi Health GmbH und OFFIS – Institut für Informatik durchgeführt. Die detoxi Health GmbH ist ein E-Health Unternehmen mit Sitz in Berlin. Das OFFIS e. V. – Institut für Informatik (OFFIS) erforscht als An-Institut der Universität Oldenburg neue Formen computergestützter Informationsverarbeitung in Hard- und Softwaresystemen.

Alle Informationen zur Studie sowie die Studienberichte können auf der Projektwebseite aufgerufen werden: https://detoxi.info/kiqunu-studie/

Quellen:
  • Gauss, B., Caspari, F., Wagener, N. & Kou, Yi (2026). Kiqunu – Studie zur Smartphone-Abhängigkeit. Teil 1: Deskriptive Analysen. Studienreport.
  • Meerkerk, G. J., Van Den Eijnden, R., Vermulst, A. A., & Garretsen, H. F. L. (2009). The Compulsive Internet Use Scale (CIUS): Some Psychometric Properties. Cyberpsychology & Behavior, 12(1), 1-6.
  • Wartberg, L., Petersen, K. U., Kammerl, R., Rosenkranz, M., & Thomasius, R. (2014). Psychometric validation of a German version of the Compulsive Internet Use Scale. Cyberpsychology Behavior and Social Networking, 17(2), 99-103.
Interessenkonflikte

Die Studie wurde durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie über das Innovationsprogramm für Geschäftsmodelle und Pionierlösungen (IGP) gefördert. Die Autoren F. Caspari und B. Gauss sind Geschäftsführer der detoxi Health GmbH, die das Forschungsprojekt anteilig finanziert hat. Die Autorin N. Wagener erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Autor:innen: Dr. Florian Caspari, Dr. Boris Gauss, Dr.-Ing. Nadine Wagener, 14.10.2026