Selbstkontrolle hat einen guten Ruf: Zahlreiche Studien belegen, dass sie in verschiedensten Lebensbereichen positiv wirkt. Eine so erstrebenswerte FĂ€higkeit sollte sich doch trainieren lassen â oder nicht? Psychologen der UniversitĂ€t des Saarlandes werteten in einer Metaanalyse 33 Studien zu Selbstkontrolltrainings aus. Die Wirksamkeit dieser Trainings zeigte sich nur bedingt. Die Ergebnisse der Studie werden demnĂ€chst in der Fachzeitschrift âPerspectives on Psychological Scienceâ erscheinen.
Selbstkontrolle ist die FĂ€higkeit, das eigene Verhalten zu kontrollieren. Dazu gehört vor allem, innere Impulse zu unterdrĂŒcken oder zu steuern â wie zum Beispiel der Student, der bei schönem Wetter in der Bibliothek lernt, anstatt zum Badesee zu fahren, oder die ehemalige Raucherin, die in einer Stresssituation nicht zur beruhigenden Zigarette greift. Auch um eine âgute Miene zum bösen Spielâ machen zu können, bedarf es an Selbstkontrolle. Wie viele Studien zeigen, haben Menschen, die sich gut selbst kontrollieren können, mehr Erfolg, stabilere soziale Beziehungen und sind bei besserer körperlicher und psychischer Gesundheit. Da wĂ€re es doch beruhigend, wenn sich Selbstkontrolle durch Ăbung trainieren lieĂe. âDie Ergebnisse unserer Metaanalyse legen nahe, dass dies möglich ist â auch wenn noch viele Fragen offen sindâ, sagt Malte Friese, Professor fĂŒr Sozialpsychologie an der UniversitĂ€t des Saarlandes.
Gemeinsam mit Julius Frankenbach, Veronika Job und David Loschelder wertete er Studien aus, in denen die Wirksamkeit von Selbstkontrolltrainings untersucht wurde. Der Gedanke hinter diesen Trainings basiert auf dem so genannten Ressourcenmodell der Selbstkontrolle. Dieses geht davon aus, dass sich Selbstkontrolle wie ein Muskel trainieren lĂ€sst: je hĂ€ufiger man eine TĂ€tigkeit, die Selbstkontrolle erfordert, gezielt ausĂŒbt, desto stĂ€rker wird die FĂ€higkeit und desto mehr Kontrollressourcen hat man, wenn man sie braucht. So wird in einigen Trainings beispielsweise geĂŒbt, AlltagstĂ€tigkeiten wie ZĂ€hneputzen mit der nicht-dominanten Hand auszufĂŒhren oder eine aufrechte Haltung zu bewahren anstatt gebeugt am Schreibtisch zu sitzen. Wirksamkeitsstudien untersuchen hĂ€ufig, inwiefern sich die eingeĂŒbten SelbstkontrollfĂ€higkeiten auch auf andere Lebensbereiche auswirken, also beispielsweise mit dem Rauchen aufhören zu können, weniger aggressives Verhalten zu zeigen oder körperliche Anstrengungen lĂ€nger durchzuhalten. Die Psychologen haben sich 33 solcher Trainingsstudien genauer angeschaut und ĂŒber alle diese Studien hinweg die StĂ€rke des Trainingseffekts geschĂ€tzt. Durch die gleichzeitige Betrachtung mehrerer Studien erlaubt diese so genannte Metaanalyse bessere Schlussfolgerungen als einzelne Studien.
Im Durchschnitt zeigten sich kleine bis mittlere Trainingseffekte, die aber von Studie zu Studie stark schwankten. âWarum die Trainings effektiv sind â also welche psychologischen Mechanismen diesem Effekt zugrunde liegen â ist aber nach wie vor nicht ganz klarâ, sagt Malte Friese. âMöglich ist, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer solcher Trainings auch eine Erwartung aufgebaut haben, dass ihnen die Ăbungen helfen wĂŒrden. Ein Teil des Trainingserfolgs könnte demnach auf eine Art Placebo-Wirkung zurĂŒckgehen und nicht darauf, dass spezifisch die AusĂŒbung von Selbstkontrolle geĂŒbt wurde.â
Anders als frĂŒhere Analysen bezogen die SaarbrĂŒcker Wissenschaftler auch unveröffentlichte Arbeiten mit ein. âHĂ€ufig werden Studien ĂŒber nicht erfolgreiche Trainings nicht publiziertâ, gibt Malte Friese zu bedenken. âWenn man lediglich die veröffentlichten Studien mit einbezieht, ergibt sich ein gröĂerer Trainingseffekt.â Sein Fazit lautet: âNach dem heutigen Stand des Wissens lĂ€sst sich Selbstkontrolle durch Ăbung zumindest kurzfristig stĂ€rken, aber es gibt noch viele offene Fragen: Wie groĂ ist der Effekt wirklich? Warum wirken die Trainings? Wie lange halten die Effekte an?“
Originalstudie:
Friese, M., Frankenbach, J., Job, V., & Loschelder, D. (in press). Does self-control training improve self-control? A meta-analysis. Perspectives on Psychological Science.
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Psychologie (DGPs), 11.05.2017
