Chinesische App zur Behandlung von Methamphetaminabhängigkeit mit virtuellen Psychotherapeuten

Virtuelle Psychotherapeutin in der Echo-App

In China hat der Methamphetaminkonsum den von Heroin in den letzten Jahren abgelöst, und die chinesischen Suchtmediziner suchen nach neuen Wegen zur Behandlung. Es besteht dort große Akzeptanz gegenüber der Auffassung, dass es sich bei einer Suchterkrankung bzw. bei Drogenabhängigkeit um eine komplexe, chronische Erkrankung handelt, die durch eine zwanghafte Abhängigkeit von und zwanghaftes Verlangen nach illegalen Drogen oder anderen missbräuchlich konsumierten psychotropen Substanzen gekennzeichnet ist. Führende chinesische Suchtexperten betonen, dass Sucht eine behandelbare neurologische und Verhaltensstörung ist und kein moralisches oder rechtliches Versagen.

China steht vor großen Herausforderungen, die sowohl durch illegale Drogen als auch durch Tabak und Alkohol entstehen. Dem jüngsten Bericht der Regierung zufolge gibt es in China mehr als 300 Millionen Tabakkonsumenten, 123 Millionen Menschen trinken übermäßig Alkohol, und 700-800.000 Menschen konsumieren illegale Drogen (diese Zahl soll in den letzten Jahren deutlich gesunken sein, vor einigen Jahren zählte man 1,8-2,4 Millionen Konsumenten illegaler Substanzen). Von den 700-800.000 Menschen konsumieren schätzungsweise 239.000 Menschen Heroin und 349.000 Methamphetamine. Craving ist das Hauptproblem in der Behandlung einer Methamphetaminabhängigkeit.

Die Echo-App

Die Anwendung künstlicher Intelligenz in der psychotherapeutischen und psychiatrischen Behandlung ist in China schon länger ein wichtiges und offen diskutiertes Thema. Dabei stehen weniger ethische Prinzipen oder Fragen des Datenschutzes im Mittelpunkt, sondern pragmatische Erwägungen, wie eine Nutzung von KI weiterentwickelt werden kann.

Es werden z. B. digitale assessment tools (wie ASSIST oder TAPS) eingesetzt, um Gesundheitsrisiken und in diesem Fall riskante Konsummuster bei psychoaktiven Substanzen zu erkennen. Digitale Phänotypisierung kann zur besseren Wahrnehmung einer Person und mithilfe einer entsprechenden App z. B. zur Unterstützung der Behandlung einer Substanzabhängigkeit eingesetzt werden. In diesem Bereich ist das Shanghai Mental Health Center schon länger tätig und hat die Echo-App entwickelt, die die Funktion eines virtuellen digitalen Psychotherapeuten übernimmt. Aktuell wurde in einer Pilotstudie die Machbarkeit und Wirksamkeit der Echo-APP für Patienten mit einer Methamphetaminkonsumstörung untersucht. Die Echo-APP ist ein Beurteilungs- und Rehabilitationsprogramm für Menschen mit Substanzgebrauchsstörungen (SUD). Es wurde von Klinikern, Psychotherapeuten und Computerexperten entwickelt. Das Programm ist für Android-Tablets verfügbar.

Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik können die Behandlung von Substanzabhängigkeit unterstützen, indem sie Aufgaben von Psychotherapeuten bei der psychologischen Beurteilung, Diagnose und Behandlung übernehmen. Das spare Arbeitskosten, ermögliche Ferneingriffe und verbessere den professionellen Einsatz, so der chinesische Forscher. Danach würden automatisierte Konversationsagenten ähnliche Dienstleistungen wie ein/e Therapeut:in oder ein/e Arzt/Ärztin erbringen, aber ohne die Notwendigkeit menschlicher Hilfe. In der Rolle von „Psychotherapeuten“ reduzieren KI-Agenten bei den Patienten Schamgefühle und Ängste vor Diskriminierung und erhöhen die Möglichkeit, dass Patienten ihr „wahres Gesicht“ offenbaren und echte Gefühle zeigen. Die weit verbreitete Verwendung des Internets und intelligenter Terminals macht die elektronische medizinische Versorgung für eine Vielzahl an Menschen möglich (in China stieg die Zahl der Smartphone-Besitzer auf 950 Millionen Menschen).

Ergebnisse der Pilotstudie

In der Pilotstudie wurden „Stufen der Veränderungsbereitschaft und Behandlungsbereitschaft“ ermittelt. Außerdem wurden Ausmaß des Cravings, Bedeutung der Drogenabstinenz und die Selbsteinschätzung bzgl. des Vertrauens in die Beendigung des Drogenkonsums erfragt. Die Motivation, auf Drogen zu verzichten, nahm nach der Echo-APP-basierten Behandlung signifikant zu, das Craving wurde reduziert. Es gab entsprechende Veränderungen in der Behandlungsmotivation der Patienten während der Behandlung.

Diese Studie weist nach Einschätzung der chinesischen Expert:innen zwangsläufig einige Einschränkungen auf. Studienergebnisse müssten verbessert werden, einschließlich weiterer Untersuchungen mit Personen, die legale psychoaktive Substanzen konsumieren wie Tabak und Alkohol. Die Forschergruppe arbeitet an der Durchführung einer Multicenterstdudie mit großer Stichprobe zur Überprüfung der Wirksamkeit der Echo-APP. Die vorläufigen Erkenntnisse bilden eine gute Grundlage für die weitere Optimierung des Programms und die Förderung groß angelegter randomisierter kontrollierter klinischer Studien für Substanzkonsumstörungen.

Von Ingo Ilja Michels, Technische Universität Nürnberg, Fakultät für Sozialwissenschaften, International Scientific Coordinator SOLID Project. SOLID steht für „Soziale Arbeit und Stärkung von NGOs in der Entwicklungszusammenarbeit zur Behandlung von Drogenabhängigkeit“. SOLID ist ein internationales, vom DAAD gefördertes Projekt, das sich auf die Entwicklung der Sozialen Arbeit als Forschungs- und Berufsfeld in Zentralasien und China konzentriert. Im Rahmen des SOLID-Projektes wurde in der ersten Phase (in Kooperation mit der Frankfurt University of Applied Sciences) die Doktorarbeit eines chinesischen Psychiaters am Shanghai Mental Health Centers gefördert.