
Das Gespräch mit der Klientin/dem Klienten ist vorbei, aber irgendetwas davon hängt noch in der Luft. Vielleicht war da viel Ambivalenz, vielleicht ist etwas in der Beziehungsdynamik gekippt. Vielleicht merkt die Fachkraft erst jetzt, dass sie selbst ungeduldig geworden ist, sich geärgert hat, oder sie ist unsicher, ob ihre Einschätzung richtig war. Jetzt wäre ein Gegenüber hilfreich. Jemand, der nicht unbedingt die Antwort gibt, sondern nachfragt. Der hilft, einen Schritt zurückzutreten, eine andere Perspektive einzunehmen oder die Gedanken zu sortieren. Nur steht diese Person nicht immer zur Verfügung, wenn sie gebraucht wird.
Diese Lücke möchte das Projekt „reflexionsraum ai“ schließen. Ein KI-gestützter Reflexionsraum soll Fachkräften in der Suchthilfe ein Gegenüber bieten, wenn ein Fall nachwirkt und kein:e Kolleg:in oder andere Person zum Austausch zur Verfügung steht. Erste Beobachtungen aus einer explorativen Pilotphase wurden am 23. September 2026 auf dem Deutschen Suchtkongress in Hamburg vorgestellt. Sie zeigen, dass das Angebot gut angenommen wird, und geben Hinweise darauf, für welche Themen Fachkräfte einen solchen Raum nutzen, wenn ihnen keine Nutzungsszenarien vorgegeben werden.
Zwei Perspektiven auf dieselbe Lücke
Der Reflexionsraum ist eine KI-Anwendung, mit der Fachkräfte mündlich in einen strukturierten Reflexionsdialog treten können. Nach einer explorativen Pilotphase wird die Anwendung derzeit für den weiteren Einsatz und die Zusammenarbeit mit Einrichtungen weiterentwickelt.
Die Personen hinter dem Projekt kommen aus unterschiedlichen Richtungen. Carolin Schürmann beschäftigt sich als Fachbuchautorin, Coach und Peer-Expertin seit vielen Jahren mit Sucht, Stigmatisierung und der Frage, welche Bedingungen Selbstreflexion und die Bereitschaft, das eigene Handeln im professionellen Umgang mit Abhängigkeit zu hinterfragen, ermöglichen. Dolf Schäffel kommt aus der Healthcare-Kommunikation und beschäftigt sich mit der Frage, wie Gespräche gestaltet sein müssen, damit aus einem technischen System tatsächlich ein hilfreiches Gegenüber werden kann.
„Uns verband eine zunächst einfache Frage: Welche Rolle kann KI in professionellen Reflexionsprozessen sinnvoll übernehmen?“, berichtet Dolf Schäffel. „Die Antwort darauf sollte ausdrücklich nicht lauten: menschliche Supervision, kollegialen Austausch oder professionelle Urteilskraft ersetzen. Interessanter erschien uns die Lücke dazwischen – der Moment, in dem ein Gegenüber die Reflexion unterstützen könnte, aber gerade niemand dafür zur Verfügung steht.“
Carolin Schürmann ergänzt: „Professionelle Reflexion braucht Offenheit – gerade dort, wo Unsicherheit, eigene Bewertungen oder unangenehme Gefühle ins Spiel kommen. Doch genau darüber sprechen wir oft nicht gerne. Ein Reflexionsraum kann dann hilfreich sein, wenn er einen geschützten Zugang zu diesen Gedanken ermöglicht, ohne zu bewerten – und gleichzeitig dabei hilft, die eigene Haltung ehrlich zu hinterfragen.“
Die Reflexion bleibt bei der Fachkraft
Beim Entwickeln des KI-Reflexionsraumes schälte sich folgende konkrete Frage als zentral heraus: Wie muss ein KI-System kommunizieren, damit Reflexion des eigenen professionellen Handelns entstehen kann? Daraus wurden drei Prinzipien für die Gesprächsführung abgeleitet. Das System soll einordnen und nachfragen, Perspektiven öffnen und Muster sichtbar machen – und Bewertungen nicht reflexhaft übernehmen, sondern hinterfragen.
Die Designannahme lautete deshalb: Ein guter Reflexionsraum darf widersprechen. Nicht, um Recht zu haben, sondern damit er die Reflexion weiterführt. Diese Haltung scheint für Fachkräfte relevant zu sein. Eine Person, die den Reflexionsraum im Pilotprojekt getestet hatte, hob im Feedback den Unterschied zu generischen KI-Systemen lobend hervor: Positiv sei, dass der Reflexionsraum widerspreche und „klare Kante“ gebe. Ein anderer Tester beschrieb die Rückmeldung der KI als „wohlwollend, aber korrigierend“.
Dahinter steckt mehr als ein Sprachmodell. Die technische Basis wird mit einer kuratierten fachlichen Wissensbasis und einer eigenen Gesprächsarchitektur verbunden. Das System stellt Rückfragen, eröffnet alternative Perspektiven und prüft eingebrachte Annahmen; die fachliche Bewertung bleibt bei der Fachkraft. Ziel ist nicht ein System, das zu jeder Frage möglichst schnell eine Antwort produziert. Es soll das Gespräch so führen, dass die Reflexion bei der Fachkraft bleibt.
„Fachkräften fehlt es meist nicht an Wissen“, erläutert Dolf Schäffel. „Die schwierigere Frage ist, was dieses Wissen für einen konkreten Fall, eine Dynamik oder die eigene Reaktion darauf bedeutet. Genau dort kann KI ein gutes Gegenüber sein – wenn sie nicht vorschnell Antworten liefert, sondern Kontext aufnimmt, nachfragt, neue Perspektiven öffnet und auch widerspricht.“
Die Pilotphase
Von Mai bis August 2026 wurde der Reflexionsraum in einer explorativen, qualitativen und naturalistischen Pilotphase mit Early Adopters getestet. Dabei wurden bewusst keine Fälle oder Nutzungsszenarien vorgegeben. Die Fachkräfte entschieden selbst, worüber sie sprechen wollten.
Die Teilnehmenden wurden auf der Landingpage darüber informiert, dass Gespräche in der Pilotphase ausschließlich zu Forschungs- und Entwicklungszwecken ausgewertet werden. In der Pilotphase entstanden insgesamt 40 Gesprächstranskripte. Für die vertiefende systematische Auswertung wurde ein Korpus von 35 Gesprächen codiert und analysiert. Ergänzend wurden strukturierte Feedbacks erhoben. Die Ergebnisse sind ausdrücklich explorativ. Sie dienen der Hypothesenbildung und sind kein Wirksamkeitsnachweis.
Im Zentrum der Auswertung stand zunächst die Frage: Wofür nutzen Fachkräfte einen solchen Raum, wenn niemand ihnen sagt, wofür sie ihn nutzen sollen? Die deutlichste Antwort: für konkrete Fälle. 57 Prozent der ausgewerteten Gespräche waren Fallreflexionen. Methodenfragen machten 17 Prozent aus, die emotionale Verarbeitung 11 Prozent. Weitere 9 Prozent betrafen Systemfragen, 6 Prozent waren Grenztests des Systems.
Auffällig war außerdem, dass mehrere Gespräche am Abend oder in der Nacht geführt wurden. Es lässt sich nicht ableiten, warum die Fachkräfte gerade zu diesen Zeiten den Reflexionsraum nutzten. Die Beobachtung passt aber zu jener Ausgangssituation, aus der das Projekt entstanden ist: Reflexionsbedarf hält sich nicht an Besprechungszeiten.
Auch der Gesprächsverlauf wurde untersucht. In 80 Prozent der systematisch ausgewerteten Gespräche entstand im Gesprächsverlauf das, was die Entwickler:innen als Sparring beschreiben. Wie dieses Sparring aussieht, hängt vom eingebrachten Kontext ab. Bei einer allgemeinen Frage – etwa „Wie gehe ich mit Ambivalenz um?“ – ordnet das System zunächst ein, konkretisiert und versucht, zum konkreten Fall zu führen.
Bringt die Fachkraft dagegen bereits eine Beziehungsdynamik mit – etwa: „Er will, dass ich das Problem für ihn löse“ –, kann das System unmittelbar ein Muster benennen und die Frage zurückgeben. In einem Test wurde genau diese Leistung als Unterschied zu einem generischen LLM beschrieben: Im Reflexionsraum entstehe nicht nur eine Zusammenfassung bereits vorhandener Gedanken. Das Gespräch entwickele sich weiter und eröffne Abzweigungen. Die derzeitige Arbeitsthese lautet deshalb: Professionelle Reflexion mit KI braucht nicht mehr Antworten, sondern kontextabhängiges Sparring.
Alle Ergebnisse sind auf der Website https://www.reflexionsraum.ai/ dargestellt. Hier können interessierte Fachkräfte auch einen Testzugang anfordern.
Anstöße statt Antworten
Manche Momente aus der Pilotphase lassen sich mit Prozentwerten nur unzureichend beschreiben. In einem Gespräch brachte eine Fachkraft einen komplexen Rückfall nach längerer Abstinenz ein. Während des Gesprächs verließ die Fachkraft plötzlich die Fallebene und sagte spontan: „Ich bin so fasziniert“. In einem anderen Test ging es um die Frage nach funktionalem Cannabiskonsum und möglicher psychischer Abhängigkeit. Statt die Konsumfrage vorschnell aufzulösen, verschob das System den Blick auf die Mutter-Sohn-Dynamik und öffnete damit eine weitere Perspektive auf den Fall.
Solche Einzelbeobachtungen sind kein Beleg für Wirksamkeit. Aber sie helfen zu verstehen, welche Elemente Fachkräfte in diesen Gesprächssituationen als relevant erlebten: nicht eine fertige Lösung, sondern Einordnung, Gegenposition und die Entwicklung des eigenen Gedankens.
Bei der Analyse fiel noch etwas auf. In 74 Prozent der ausgewerteten Gespräche wurden Themen identifiziert, die in einem kollegialen Rahmen möglicherweise schwerer angesprochen werden können: eigene Überforderung, Unsicherheit gegenüber Kolleginnen und Kollegen oder eigene emotionale Reaktionen. Das ist aus Sicht der Entwickler:innen einer der interessantesten Befunde der Pilotphase – gerade weil noch unklar ist, wodurch er zustande kommt.
Trägt die besondere Gesprächssituation mit einer KI dazu bei, dass solche Themen angesprochen werden? Spielt es für die Offenheit eine Rolle, dass keine soziale Bewertung stattfinden wird? Verändert sich Selbstoffenbarung, wenn das Gegenüber kein Mensch ist? Oder ist hier vor allem der Effekt zu sehen, dass es sich um eine selektierte Gruppe handelt, die bereit war, ein solches System überhaupt auszuprobieren?
Gemeinsam weiterentwickeln – Austausch mit Wissenschaftler:innen und Fachkräften
Die Rückmeldungen aus der Pilotphase zeigen eine hohe Bereitschaft, den Reflexionsraum erneut zu nutzen. Interesse und tatsächliche Nutzung sind jedoch nicht dasselbe. Ein klinischer Tester, der den Reflexionsraum nach mehreren Testläufen selbst weiter nutzen würde, beschrieb eine für Kolleginnen und Kollegen sehr alltägliche Hürde: das „Hamsterrad“ des Klinikalltags. Der Reflexionsraum wurde intern vorgestellt und stieß auf Interesse – trotzdem entstand daraus nicht automatisch der Schritt zum eigenen Ausprobieren.
Für die weitere Entwicklung wird deshalb nicht nur entscheidend sein, wie der Reflexionsraum funktioniert, sondern auch, wie er sich sinnvoll in Situationen und Strukturen des Arbeitsalltags integrieren lässt. Welche Zugänge, Rahmenbedingungen und Formen der Implementierung braucht es, damit daraus ein tatsächlich genutztes Instrument wird?
„Deshalb suchen wir den Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ebenso wie mit Fachkräften und Einrichtungen aus der Praxis, die den weiteren Einsatz des Reflexionsraums mit uns gestalten und weiterentwickeln“, sagt Dolf Schäffel. „Denn vielleicht beginnt die interessanteste Rolle von KI in der professionellen Suchtarbeit nicht dort, wo sie eine bessere Antwort kennt, sondern dort, wo sie dabei hilft, eine bessere Frage zu stellen.“
Mehr Informationen, Kontakt und Testzugang unter: https://www.reflexionsraum.ai/
Quelle: Pressemitteilung von reflexionsraum ai, 23.9.2026
