Zum Tod von Dr. Heinrich Küfner

Vermutlich war es 1991. Ulrich John, mein damaliger Chef, hatte Heinrich Küfner zur „Mittwochsweiterbildung“ in die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität zu Lübeck (Direktor: Prof. Dr. Horst Dilling) eingeladen. Es war eine lange Wegstrecke, die unser Gast aus München zurücklegen musste. Er hielt einen Vortrag zur „Behandlung des Alkoholismus“ und berichtete auch über Forschungsergebnisse der „Münchner Evaluation der Alkoholismus-Therapie“. Anschließend fuhren wir gemeinsam in die Lübecker Altstadt in eines der ersten Gartenlokale. Es war ein angenehmer Abend. Nie wieder habe ich in so kurzer Zeit so viel über die deutsche und internationale Suchtforschung erfahren. Es war beeindruckend, über wie viel Wissen Heinrich Küfner verfügte, das er beiläufig im Rahmen eines Restaurantbesuchs weitergab.

Am 24. Juni 2026 ist Dr. Heinrich Küfner im Alter von 79 Jahren verstorben.

Wegweisend: die MEAT-Studie

Er war schon vor 35 Jahren eine der prägenden Persönlichkeiten der deutschen Suchtforschung und Suchthilfe. Was mir schon bei der ersten Begegnung aufgefallen war, zeichnete ihn auch in allen weiteren Begegnungen aus. Heinrich Küfner war ein bescheidener, integrativer Mensch. Er förderte den wissenschaftlichen Nachwuchs, unterstützte den interdisziplinären Austausch und setzte sich für eine hochwertige Versorgung für Menschen mit substanzbezogenen Störungen ein. Mit der bereits erwähnten „MEAT-Studie“ legte Heinrich Küfner gemeinsam mit Wilhelm Feuerlein eine der international bedeutendsten Langzeitstudien zur stationären Suchtrehabilitation vor. Erstmals wurden mehr als 1.400 alkoholabhängige Rehabilitand:innen aus 21 Fachkliniken der medizinischen Rehabilitation bei Abhängigkeitserkrankungen über einen Zeitraum von bis zu vier Jahren nach ihrer Rehabilitationsbehandlung begleitet.

Die Ergebnisse waren wegweisend: Fast die Hälfte der behandelten Patientinnen und Patienten blieb auch vier Jahre nach der Rehabilitation abstinent, weitere erreichten deutliche Verbesserungen. Gleichzeitig konnten erhebliche Rückgänge bei Krankenhausaufenthalten und krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeitszeiten nachgewiesen werden. Damit lieferte die MEAT-Studie erstmals einen überzeugenden wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Suchtrehabilitation nicht nur kurzfristig wirkt, sondern langfristig Gesundheit, Erwerbsfähigkeit und soziale Teilhabe verbessert.

Viele Detailergebnisse prägen weiter die aktuellen Rehabilitationskonzepte. Vor allem der Befund, dass auch Rehabilitand:innen, die während der Behandlung „rückfällig“ wurden, von der Fortführung der Maßnahme profitieren und es vor diesem Hintergrund keinen Grund für eine Entlassung gibt, hat die Einführung der Rückfallprävention in der Rehabilitation befördert. Auch das Ergebnis, dass eine getrennte Behandlung von Männern und Frauen tendenziell erfolgreicher ist als eine geschlechtsheterogene Therapie, hat zum Aufbau „geschlechtshomogener Settings“ in den Kliniken geführt. Zu den wichtigsten Erkenntnissen gehörte auch, dass nicht alle Rehabilitand:innen dieselben Behandlungsdauern benötigen. Damit war die Grundlage für eine individualisierte Therapieplanung in der medizinischen Rehabilitation von Abhängigkeitskranken gelegt.

Im Rahmen der MEAT-Studie wurde auch deutlich, dass soziale Faktoren den Therapieerfolg erheblich beeinflussen. Eine stabile Partnerschaft, eine kontinuierliche Erwerbstätigkeit sowie eine gesicherte Wohnsituation sind prognostisch günstige Faktoren. Es zeigte sich, dass eine frühzeitige Rehabilitation erfolgversprechend ist, um ungünstige Folgen des problematischen Konsums psychotroper Substanzen zu vermeiden.

Auf jeden Fall hat die Studie auch bewirkt, dass „Katamneseuntersuchungen“ zum Standard in den meisten Kliniken der medizinischen Rehabilitation gehören. So eine regelhafte Überprüfung des „Behandlungserfolgs“ gibt es flächendeckend in keinem anderen Feld des Sozial- und Gesundheitssystems.

Zusammenarbeit mit Wilhelm Feuerlein: einzigartige Verbindung von klinischer Erfahrung und Versorgungsforschung

Wilhelm Feuerlein war der akademische Lehrer und Mentor Heinrich Küfners. Während Feuerlein als einer der Begründer der modernen deutschen Suchtmedizin die klinische und psychiatrische Perspektive entwickelte, brachte Küfner als Diplom-Psychologe seine Expertise in empirischer Sozial- und Rehabilitationsforschung ein. Gemeinsam gelang es den beiden, klinische Erfahrung und methodisch anspruchsvolle Versorgungsforschung zu verbinden – eine Kombination, die bis heute in Deutschland einzigartig ist. Das Standardwerk „Alkoholismus – Missbrauch und Abhängigkeit“, ursprünglich von Wilhelm Feuerlein begründet und später von Heinrich Küfner gemeinsam mit Michael Soyka fortgeführt, dokumentiert eindrucksvoll die Kontinuität ihres wissenschaftlichen Wirkens. Generationen von Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen sowie Mitarbeitenden der Suchthilfe haben mit diesem Werk gearbeitet.

Diese Erkenntnisse prägten über Jahrzehnte die Weiterentwicklung der medizinischen Rehabilitation und lieferten wesentliche Argumente gegenüber Rentenversicherung, Krankenversicherung und Gesundheitspolitik für den Ausbau evidenzbasierter Rehabilitationsangebote.

Die Zeit danach: Die größte Herausforderung einer Suchterkrankung beginnt nach der Rehabilitation 

Ein zweites „Vermächtnis“ ist Küfners Buch „Die Zeit danach – Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten für Betroffene nach Entwöhnung und Selbsthilfegruppe“. Dieses Werk wurde über viele Jahre hinweg immer wieder neu aufgelegt und entwickelte sich zu einem Standardwerk für Betroffene und Fachkräfte.

Küfner machte darin deutlich, dass die eigentliche Herausforderung einer Suchterkrankung häufig erst nach der Entlassung aus der Rehabilitation beginnt. Abstinenz verstand er nicht als Endpunkt, sondern als Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Im Mittelpunkt stehen Fragen der Rückfallprophylaxe, der Gestaltung des Alltags, der sozialen Beziehungen, der beruflichen Wiedereingliederung und der persönlichen Weiterentwicklung. Besonders bemerkenswert ist sein ressourcenorientierter Ansatz: Statt ausschließlich Risiken und Rückfälle zu thematisieren, beschreibt Küfner die Chancen eines selbstbestimmten und erfüllten Lebens nach der Abhängigkeit und vermittelt praktische Hilfen, Übungen und Orientierung für diesen Weg.

Die Forschungsaktivitäten von Heinrich Küfner und seine Bücher haben die deutsche Suchthilfe nachhaltig geprägt und werden auch künftig Maßstäbe für eine evidenzbasierte und zugleich menschenorientierte Suchthilfe setzen.

Vielen Dank dafür!!

Dr. Clemens Veltrup

Vorstand des Landesvereins für Innere Mission in Schleswig-Holstein
Vorstandsmitglied des Bundesverbands Suchthilfe (bus.)
Präsident der Psychotherapeutenkammer Schleswig-Holstein