Hinter Chaosphänomen verbirgt sich Geschichte

Es ist ein Bild, das sich einprägt: Ein Mensch öffnet die Wohnungstür, und dahinter stapeln sich Papierberge bis zur Decke, schmale Pfade schlängeln sich durch Türme aus Kisten, Kleidung, Zeitschriften, Gegenständen aller Art. Die Wohnung ist voll – und doch ist etwas in ihr zugleich abwesend. Luft. Leichtigkeit. Raum für das Leben. Was von außen wie pure Unordnung wirkt, trägt innen eine eigene, schwer zu erschließende Logik in sich.
Nach Schätzungen von Selbsthilfegruppen leben in Deutschland rund 2,5 Millionen Menschen mit dem, was allgemein als Messie-Syndrom bezeichnet wird – Tendenz steigend. Und doch: Das Phänomen wird im Versorgungssystem noch immer häufig falsch eingeordnet, mit Sucht oder Zwang gleichgesetzt, als Hygieneproblem oder als Ausdruck von Faulheit und Willensschwäche abgetan. Betroffene erleben diese Fehldeutungen als eine weitere Form der Verletzung – neben jenen, die das Chaos in ihnen oft schon lange zuvor angerichtet haben.
Dieser Artikel möchte einen Beitrag zur fachlichen Klarheit leisten. Er differenziert zwischen drei Erscheinungsformen des Phänomens, ordnet das Pathologische Horten in den aktuellen wissenschaftlichen Kontext ein und zeigt auf, welche Haltungen und Handlungsweisen in der Praxis – für Fachkräfte, Betroffene und Angehörige – wirklich tragen.
Das Messie-Kompetenz-Zentrum Stuttgart – Expertise aus der Praxis heraus
Seit mehr als 27 Jahren arbeitet Veronika Schröter mit Menschen, die vom Messie-Syndrom betroffen sind, und gilt heute als führende Expertin im deutschsprachigen Raum auf diesem Gebiet. Sie ist Gestalttherapeutin nach Hildegund Heinl, systemische Therapeutin und zertifizierter Coach sowie Heilpraktikerin für Psychotherapie. 1999 machte sie sich in Freiburg mit einer psychotherapeutischen Praxis selbstständig. 2016 gründete sie in Stuttgart das Messie-Kompetenz-Zentrum®, das seither als zentrale Anlaufstelle für Therapie, Fortbildung, Beratung und Konzeptentwicklung dient.
Ihren Einstieg in das Thema fand Schröter nicht über ein Lehrbuch, sondern im direkten Kontakt mit Betroffenen – in der ambulanten Pflege, im Jugendamt, in der stationären Psychiatrie. Schon früh fiel ihr auf, wie unterschiedlich die Erscheinungsformen des sogenannten Hortens waren: Manche Wohnungen waren zugestellt, aber sauber; andere rochen nach Schimmel, und wieder andere zeigten eine Leere, die von Verwahrlosung sprach. Die damals und leider oft heute noch vertretenen Begleitungs- und Behandlungsansätze sind ausgelegt auf eine Sucht- oder Zwangserkrankung und blieben langfristig erfolglos. Diese frühen Beobachtungen warfen eine Frage auf, die sie nicht losließ: Warum helfen die gängigen Therapieansätze nicht?
Die Motivation, ein eigenes Therapiekonzept zu entwickeln, erwuchs aus einer ganz konkreten Erfahrung des Scheiterns: Als eine Patientin mit ausgeprägter Messie-Symptomatik aus der psychoanalytischen Klinik, an der Schröter tätig war, entlassen wurde, ohne dass das System ihr adäquat hatte helfen können, versprach Schröter ihr, sich des Themas persönlich anzunehmen. Am nächsten Tag reichte sie ihre Kündigung ein. Aus dieser Begegnung entstand ein Lebenswerk.
Ein Paradigmenwechsel: Forschung, ICD-11 und die Abgrenzung zu Sucht und Zwang
Die Studie mit der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Zwischen 2009 und 2012 führte Veronika Schröter in Kooperation mit der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Abteilung Psychiatrie und Psychosomatik, eine wissenschaftliche Studie zur Messie-Symptomatik durch. Ihr war zuvor über viele Jahre Praxisarbeit aufgefallen, was das etablierte Fachwissen noch nicht abbilden konnte: Das Messie-Syndrom ließ sich weder befriedigend als Sucht noch als Zwangsstörung erklären. Die Beobachtungen widersprachen beiden Modellen zu deutlich. Ziel der Studie war es daher, das Messie-Syndrom als eigenständiges Krankheitsbild zu untersuchen und damit den Weg für eine offizielle Klassifikation zu ebnen.
An der Studie beteiligten sich rund 50 Teilnehmende, die auf freiwilliger und anonymer Basis ausführliche Interviews zur Symptomerhebung führten und mehrere Fragebögen zu möglichen Komorbiditäten ausfüllten. Schröters Beitrag umfasste neben dem konzeptionellen Input vor allem den Zugang zu den Betroffenen sowie die methodische Untersuchung ihrer eigenen therapeutischen Arbeit.
Zentrale Ergebnisse
Die Studie lieferte differenzierte Befunde, die das Bild des Messie-Syndroms grundlegend veränderten:
- 24 % der Teilnehmenden wiesen ausschließlich die kernspezifischen Messie-Symptome auf, ohne weitere psychische Erkrankungen.
- Bei 76 % lag mindestens eine komorbide psychische Erkrankung vor – vorwiegend depressive Erkrankungen sowie Angst- und Zwangsstörungen.
- Etwa die Hälfte dieser Komorbiditäten wurde als Folgeerkrankung des Messie-Syndroms eingestuft – nicht als Ursache.
- Damit waren mindestens 60 % der Teilnehmenden ausschließlich am Messie-Syndrom erkrankt oder litten unter einer Folgestörung davon.
- Die Eingangshypothese, das Messie-Syndrom sei lediglich Symptom einer verdeckten psychischen Grunderkrankung, wurde klar widerlegt.
- Das vorherrschende Symptom ist nicht das Sammeln, sondern eine ausgeprägte Wertbeimessungsstörung: die Unfähigkeit, Dinge in Kategorien wie „nützlich / nicht nützlich“ oder „wichtig / unwichtig“ einzuordnen.

Auf Grundlage dieser Befunde sprachen sich die Studienleiter dafür aus, das Messie-Syndrom nicht dem Bereich der Zwangserkrankungen, sondern den affektiven Störungen zuzuordnen. Zudem wurde eine umfassendere Begrifflichkeit vorgeschlagen – etwa „Desorganisationssyndrom“ –, um der tatsächlichen Symptombreite besser gerecht zu werden. Seit 2022 ist das Pathologische Horten (ICD-11, Code 6B24) von der Weltgesundheitsorganisation als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt. Damit wurde auch die Grundlage für eine reguläre Abrechenbarkeit psychotherapeutischer Leistungen gegenüber den Krankenkassen geschaffen.
Keine Sucht, kein Zwang – eine eigenständige Dynamik
Die Abgrenzung des Pathologischen Hortens gegenüber Sucht- und Zwangserkrankungen ist therapeutisch von zentraler Bedeutung – und keineswegs nur eine begriffliche Feinheit (vgl. Tabelle 1). Bei der Zwangsstörung ist das Kernmotiv die Angstabwehr durch Zwangsgedanken und -rituale; das Erleben ist ich-dyston, also gegen den eigenen Willen gerichtet. Bei Suchterkrankungen steht das Craving im Vordergrund, verbunden mit einem Kontrollverlust über den Substanzkonsum trotz erkennbarer Schäden. Das Pathologische Horten hingegen ist ich-synton: Die Betroffenen erleben ihre Beziehung zu den gesammelten Gegenständen als sinnvoll und notwendig. Das zentrale Motiv ist nicht Lustgewinn oder Angstabwehr im klassischen Sinne, sondern ein tiefes Bedürfnis nach Sicherheit, Identität und Halt.
Die Reaktionsweise auf Konfrontation von außen – durch therapeutische Zugänge, betreuende Fachkräfte oder das soziale Umfeld – unterscheidet sich ebenfalls grundlegend: Bei Menschen mit einer Zwangsstörung stehen Kontrollzwang und Panik im Vordergrund; bei Suchterkrankungen baut sich unter Druck eine innere Anspannung auf, die anschließend häufig durch den erneuten Griff zum Suchtmittel abgebaut wird. Menschen mit Pathologischem Horten hingegen reagieren auf direkte Konfrontation vor allem mit einem Gemisch aus Angst, Scham und Dissoziation. Eine traumainformierte Perspektive – das zeigen sowohl die Studienergebnisse als auch die jahrzehntelange klinische Praxis – ist deshalb nicht optional, sondern konstitutiv für jeden wirksamen therapeutischen Ansatz.

Drei Typologien – und warum die Unterscheidung entscheidend ist
Im Praxisalltag psychosozialer Einrichtungen, der Suchthilfe und der Sozialpsychiatrie wird das Phänomen des ungeordneten oder überfüllten Wohnens häufig unter dem Sammelbegriff „Messie-Syndrom“ gefasst. Diese Vereinfachung ist verständlich – sie führt jedoch zu gravierenden Fehlern in der Einschätzung und damit in der Begleitung. Denn hinter dem äußeren Erscheinungsbild liegen jeweils grundlegend verschiedene Ursachen und Dynamiken, die unterschiedliche Interventionsformen erfordern. Schröter unterscheidet klar zwischen drei Typologien: dem Pathologischen Horten, dem Vermüllungssyndrom und dem Verwahrlosungssyndrom.

Pathologisches Horten
Das Pathologische Horten ist das am stärksten erforschte Erscheinungsbild im Spektrum der Messie-Symptomatik und nun auch formal anerkannt. Es ist durch eine ausgeprägte Wertbeimessungsstörung gekennzeichnet: Betroffene sind nicht in der Lage, zwischen dem, was schön oder nicht schön, nützlich oder nicht nützlich, wichtig oder unwichtig ist, zu unterscheiden. Diese Kategorisierungsunfähigkeit ist keine Entscheidungsschwäche im alltäglichen Sinne – sie ist das Symptom einer tiefgreifenden kognitiv-emotionalen Beeinträchtigung.
Weil Betroffene nicht unterscheiden können, können sie auch nicht entscheiden. Es bleibt ihnen keine andere Möglichkeit, als Gegenständen einen existenziellen Wert beizumessen. Lieber wird gehortet, als dass das Risiko eingegangen wird, etwas loszulassen, das später vielleicht schmerzhaft vermisst wird. Das gesammelte Material umfasst vor allem Papier, Behältnisse, Kleidung, aber auch Neuware, die sich ungeöffnet in der Originalverpackung stapelt.
Ein entscheidendes Kennzeichen: Die Wohnung eines Menschen mit Pathologischem Horten ist zwar oft massiv überfüllt – aber sie ist trocken und riecht nicht auffallend unangenehm. Auch wenn kaum Bewegungsfreiheit mehr besteht, können Betroffene jahrzehntelang in solchen Räumen leben, ohne dass eine unmittelbare Gesundheitsgefährdung vorliegt. Sie treten nach außen häufig gepflegt und sozial kompetent auf, sind beruflich integriert und oft gesellschaftlich engagiert – wodurch die Störung lange verborgen bleibt.
Die Ursachen liegen in frühen Bindungstraumata und unsicheren Beziehungserfahrungen. Schröter unterscheidet dabei drei grundlegende Prägungen: den „gezwungenen Menschen“, den „überbehüteten Menschen“ und den „emotional im Stich gelassenen Menschen“. Gemeint sind damit Entwicklungskontexte, in denen Kinder entweder emotional vernachlässigt, übermäßig kontrolliert oder in ihrer Eigenständigkeit eingeschränkt wurden. In solchen Elternhäusern fanden die Bedürfnisse des Kindes oft wenig Raum, was früh zu Gefühlen von Wertlosigkeit, Lieblosigkeit und emotionaler Verlassenheit führen konnte. Gegenstände übernehmen in diesem Kontext Funktionen, die in frühen Beziehungen nicht ausreichend erfüllt wurden – sie bieten Verfügbarkeit, Halt, Trost und Kontinuität. Die gehorteten Dinge sind also keine Anhäufung von Überflüssigem – sie sind Beziehungsersatz und Identitätsanker zugleich. Ein Loslassen wird nicht als sachliche Entscheidung, sondern als existenzieller Verlust erlebt. Dementsprechend widersprüchlich ist die Einordnung des Hortens als Kaufsucht oder Zwangshandlung.
Wie unmittelbar sich diese Dynamik im therapeutischen Gespräch zeigen kann, verdeutlicht ein Beispiel aus der Praxis: Eine Klientin kaufte im Alter von 20 Jahren eine Eigentumswohnung, die vollständig im japanischen Stil eingerichtet wurde – ganz im Sinne ihrer Eltern. In die Entscheidungen zur Gestaltung wurde sie zu keinem Zeitpunkt einbezogen. Die Eltern empfingen häufig Gäste und erwarteten, dass ihre Tochter diese Gewohnheit fortführte – ohne Rücksicht auf deren Tendenzen zu Charakterzügen aus dem Autismus-Spektrum. Entsprechend fanden sich in der Wohnung große Mengen an Geschirr, Bettwäsche und Handtüchern, ausgerichtet auf diese äußeren Erwartungen, nicht auf die Bedürfnisse der Klientin.
Als sie mit Mitte 50 therapeutische Begleitung aufnimmt, antwortet sie auf die Frage „Was gibt es in Ihrer Wohnung, das Sie widerspiegelt?“ ohne Zögern: „Nichts“. Auf die weitere Frage hin, was es denn geben könnte, beschreibt die Klientin schließlich eine sehr reduzierte Vorstellung: zwei schlichte Gedecke – eines für den Alltag, eines für Feiertage und für Besuch. Warum sie dies nicht umsetzen kann, wird unmittelbar spürbar: Tiefe Schuldgefühle treten hervor, verbunden mit der Erfahrung, früh gezwungen worden zu sein. „Meine Eltern würden sich im Grabe umdrehen“, sagt sie. Darin zeigt sich eindrücklich, wie wenig Raum für Eigenständigkeit, für die Entwicklung eines eigenen Willens und eines eigenen Stils vorhanden war. Zugleich sind es genau diese Momente, in denen sich etwas zu lösen beginnt. Solche biografischen Herleitungen bilden eine wesentliche Voraussetzung für Veränderung – ohne sie bleibt oft alles beim Alten.
In den folgenden Monaten beginnt die Klientin, ihr Geschirr bewusst auszuwählen, auszusortieren und loszulassen. Ein scheinbar kleiner Schritt – und doch der Anfang eines tiefgreifenden Prozesses. Denn nicht das Aufräumen steht im Zentrum, sondern die Erfahrung, sich selbst im eigenen Lebensraum wiederzufinden.
Pathologisches Horten ist kein Ordnungs- oder Hygieneproblem. Es ist Ausdruck tiefer seelischer Prozesse – einer gestörten Identitäts- und Bindungsentwicklung, die sich im Wohnraum materialisiert.
Vermüllungssyndrom
Das Vermüllungssyndrom – ein Begriff, der auf den Sozialpsychiater Peter Dettmering zurückgeht – unterscheidet sich vom Pathologischen Horten grundlegend, auch wenn es auf den ersten Blick ähnlich erscheinen mag. Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Menge des angesammelten Materials, sondern in dessen Zustand. In Wohnungen, die vom Vermüllungssyndrom betroffen sind, findet sich eine kontinuierliche Anhäufung von Nassmüll – sehr häufig verdorbene Lebensmittel, die oftmals nicht nur im Kühlschrank vorzufinden sind, dadurch durchfeuchtete Papiere und angedunkelte Wände mit Stockflecken.
Typische Anzeichen sind Feuchtigkeit, Schimmelbefall, Ungeziefer und intensive Geruchsbildung. Diese Bedingungen gehen weit über ein Ordnungsproblem hinaus: Sie stellen eine reale Gesundheitsgefährdung dar – für die Betroffenen selbst, aber auch für schutzbefohlene Angehörige wie Kinder oder pflegebedürftige Menschen sowie, durch Schädlingsbefall, für die nähere Nachbarschaft. Anders als beim Pathologischen Horten kann das Vermüllungssyndrom rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, die bis zur Räumungsklage reichen.
Die Ursachen sind von anderer Natur: Suchterkrankungen stehen beim Vermüllungssyndrom häufig im Vordergrund. Die Abhängigkeit von Alkohol oder Drogen, die zunehmend die Kontrolle über den Alltag übernimmt, führt häufig zu einem schleichenden Rückzug aus jeder Haushaltsführung – bis Feuchtigkeit, Unrat und Ungeziefer zur Normalität geworden sind. Häufig gehen mit dem Vermüllungssyndrom schwere Persönlichkeitsstörungen wie Schizophrenie und Wahnvorstellungen sowie hirnorganische Psychosyndrome (Demenz, Alzheimer) einher. Es ist damit keine Weiterentwicklung des Pathologischen Hortens, sondern ein eigenständiges Erscheinungsbild mit eigenen Ursachen und Verlaufsdynamiken.
Das Vorgehen bei einer bestehenden Vermüllung erfordert ein anderes Verständnis und andere Handlungsschritte als beim Pathologischen Horten: Die Situation muss zunächst so weit gesichert werden, dass für Leib und Leben keine Gefahren bestehen. Das Gesundheitsamt, das Jugendamt oder der gesetzliche Betreuer sind je nach Ausmaß umgehend einzubeziehen. Dabei ist eine dreigliedrige Unterscheidung innerhalb des Vermüllungssyndroms hilfreich: intensive Sammeltätigkeit mit eigener Systematik, Vermüllung ohne erkennbare Systematik und Vermüllung bis zur vollständigen Unbewohnbarkeit der Wohnung.
Verwahrlosungssyndrom
Das Verwahrlosungssyndrom ist in seiner Ausprägung noch einmal verschieden und in gewisser Weise das schwerwiegendste der drei Erscheinungsbilder. Der Begriff steht für eine extreme Selbstvernachlässigung, die sich nicht nur in der Wohnsituation, sondern unmittelbar im äußeren Erscheinungsbild des Menschen zeigt: Körperpflege wird nicht mehr wahrgenommen, die Schamgrenze ist erheblich herabgesetzt, Fehlernährung und Flüssigkeitsmangel verschlimmern oft bestehende körperliche Erkrankungen.
Was die betroffenen Wohnungen von denen der Vermüllung unterscheidet, ist weniger das Ausmaß von Schmutz und Feuchtigkeit – das mag vergleichbar sein – als vielmehr eine charakteristische „verschmutzte Leere“: Kaputte Gegenstände prägen das Bild, defekte Geräte werden hingenommen, Dinge, die seit langem nicht mehr funktionieren, bleiben liegen. Das Sammeln und Horten tritt in den Hintergrund. Was überwiegt, ist Gleichgültigkeit – gegenüber der Umgebung und gegenüber der eigenen Person.
Der Kern des Verwahrlosungssyndroms liegt im Erleben tiefer Bedeutungslosigkeit und Sinnlosigkeit. Die Menschen sind nicht einfach unordentlich – sie haben sich selbst aufgegeben. Unter den Betroffenen finden sich Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen in schwerer Ausprägung (z. B. Alkoholkrankheit in der Endphase), mit bipolaren Störungen oder anderen schweren psychischen Erkrankungen sowie körperlich erkrankte Menschen, die die eigene Hilfsbedürftigkeit nicht wahrhaben möchten oder können. Auch Alleinerziehende oder ältere Menschen, die mit der Haushaltsführung überfordert sind und jede Unterstützung ablehnen, können in Richtung Verwahrlosung driften.
Nicht jede Form der Verwahrlosung ist auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen: Manchmal sind es strukturelle Faktoren – etwa Vermieter, die über viele Jahre dringende Reparaturen verweigern –, die Menschen in faktisch unbewohnbare Verhältnisse zwingen. Auch hier ist eine differenzierte, nicht vorschnell pathologisierende Einschätzung gefragt.
Differenzierte Einschätzung und entsprechende Handlungsschritte
Die drei Typologien teilen eine Gemeinsamkeit: Sie alle erzeugen erheblichen Leidensdruck und erfordern fachkundige, respektvolle Begleitung. Doch ihre Kennzeichen und Ursachen, ihre zugehörigen rechtlichen Bestimmungen und die jeweils notwendigen Handlungsschritte unterscheiden sich grundlegend. Während beim Pathologischen Horten in der Regel kein unmittelbarer Handlungsbedarf aufgrund der Wohnsituation besteht und der Fokus auf dem Menschen und seiner inneren Dynamik liegt, erfordern Vermüllungs- und Verwahrlosungssyndrom häufig zeitnah strukturelle Maßnahmen – bis hin zur Räumung und Unterbringung. Die Wohnung des Pathologischen Hortens ist trocken und nicht gesundheitsgefährdend; die Wohnung der Vermüllung riecht, ist feucht und ungezieferbefallen; die Wohnung der Verwahrlosung zeigt oft eine verschmutzte Leere mit kaputten Dingen.
Wichtig ist zudem: Vermüllungssyndrom und Verwahrlosungssyndrom können als Mischform auftreten und sind nicht immer trennscharf zu unterscheiden. Das Pathologische Horten hingegen zeigt sich in der Regel als eigenständiges Erscheinungsbild. Die Diagnose Messie allein ist deshalb keine hinreichende Grundlage für Interventionsentscheidungen: Es braucht eine differenzierte Einschätzung.
Grundlegende Haltungen und Handlungssicherheit in der Praxis
Was Menschen mit Messie-Symptomatik in der Begegnung mit dem Hilfesystem am häufigsten erfahren haben, ist Ablehnung, Verurteilung und das Gefühl, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Diese Erfahrungen verstärken die ohnehin ausgeprägte Scham und die soziale Isolation. Umso mehr kommt es bei Menschen, die helfen wollen, auf eine Haltung an, die sich grundlegend von diesem Muster unterscheidet. Schröters Ansatz formuliert diese Haltung präzise: Beziehung vor Veränderung, Verstehen vor Verändern, Identitätsarbeit vor Aufräumarbeit.
Für Betroffene: den eigenen Lebensraum zurückgewinnen
Für Betroffene selbst ist der erste Schritt oft der schwerste: zu erkennen, dass das Chaos in der Wohnung kein Zeichen von Faulheit oder Versagen ist, sondern Ausdruck einer ernstzunehmenden psychischen Störung – und dass Veränderung möglich ist. Viele Betroffene haben schon viele Versuche unternommen, haben aufgeräumt, entrümpelt, neu organisiert – und sind immer wieder gescheitert. Das liegt nicht am fehlenden Willen, sondern an der Art des Problems: Wer innerlich im Chaos lebt, kann keinen geordneten Raum um sich herum schaffen, solange die inneren Ursachen unberührt bleiben.
Heilung beginnt dort, wo die eigene Geschichte ernst genommen wird – mit Würde und ohne Verurteilung. Der Weg führt über eine liebevolle Zuwendung zur eigenen Biografie, über das Verstehen der Zusammenhänge zwischen frühen Erfahrungen und dem heutigen Chaos – und schließlich über die schrittweise Entwicklung innerer Wertmaßstäbe und Entscheidungsfähigkeit. Ziel ist nicht der perfekt aufgeräumte Haushalt, sondern ein selbstbestimmtes Leben: die Erfahrung, wieder Herr oder Herrin im eigenen Reich zu sein.
Für Angehörige: Verständnis als Grundlage der Begleitung
Angehörige von Menschen mit Messie-Symptomatik sind häufig erheblich belastet: Scham, Hilflosigkeit, Konflikte, das Gefühl, mit dem Problem allein gelassen zu werden. Die Tendenz, selbst Hand anzulegen, einzugreifen, aufzuräumen oder wegzuwerfen, ist verständlich – aber kontraproduktiv. Dinge ohne echtes Einverständnis der Betroffenen zu entfernen, verletzt eine fundamentale Grenze und beschädigt das Vertrauen nachhaltig. Jede Fachkraft und jeder Angehörige, der mit einem Messie-Betroffenen arbeitet, tut gut daran, sich zu fragen: Wessen Bedürfnis befriedige ich hier gerade?
Psychoedukative Angehörigenberatung – ein fester Bestandteil des Angebots im Messie-Kompetenz-Zentrum – hilft dabei, das Störungsbild zu verstehen, eigene Reaktionsmuster zu reflektieren und den Umgang mit Eskalationssituationen zu lernen. Angehörige, die verstehen, warum jemand hortet, können gelassener reagieren und bleiben als Beziehungsressource erhalten.
Für Fachkräfte: ein Leitfaden für die Begegnung vor Ort
Für Mitarbeitende in Sozialarbeit, Suchthilfe, Pflege, Betreutem Wohnen, Jugendamt, Gemeindepsychiatrie und verwandten Arbeitsfeldern gilt: Das Erste, was im Kontakt mit einem Messie-Betroffenen zählt, ist nicht die Wohnung – es ist der Mensch. Sechs Grundsätze für die Begegnung vor Ort:
- Mit Empathie zur Kooperation: Das Chaos löst oft Abwehr und innere Urteile aus – das ist menschlich und legitim. Dennoch: Wer Erfolg haben möchte, gewinnt den Betroffenen über eine wohlwollende Haltung, die frei von Verurteilung ist.
- Grenzen respektieren: Erst wenn eine Vertrauensbasis hergestellt ist, können Handlungsbedarfe formuliert und gemeinsam Konzepte entwickelt werden.
- Nicht vom Aufräum-Impuls steuern lassen: Kurzfristige Räumaktionen erzeugen nur oberflächliche Verbesserungen. Echte Veränderung braucht Zeit, Geduld und Beharrlichkeit in der Beziehung. „Bevor etwas raus geht, muss etwas rein.“
- Eigentum respektieren: Kein Eingreifen ohne echtes Einverständnis, auch scheinbar wertlose Dinge sind für die betroffene Person bedeutsam.
- Die Bedeutung hinter den Dingen wahrnehmen: Was außen wie Müll wirkt, trägt innen oft eine Geschichte. Die Sammelobjekte nicht als Müll zu bezeichnen, ist ein Gebot des Respekts.
- Professionelle Grenzen kennen und kommunizieren: Soziale Fachkräfte können begleiten und entlasten – aber nicht heilen. Der ehrliche Verweis auf spezialisierte Angebote ist kein Versagen, sondern professionelles Handeln.

Beim Pathologischen Horten liegt der Fokus der Arbeit konsequent auf dem/der Klient:in und nicht auf der Wohnung. Transparenz, non-direktives Vorgehen und das Belassen der Entscheidungsverantwortung beim Klienten sind keine Zugeständnisse – sie sind therapeutische Notwendigkeiten. Beim Vermüllungs- und Verwahrlosungssyndrom hingegen erfordert die mögliche Eigen- und Fremdgefährdung ein strukturierteres und teils direktives Vorgehen. Hier ist eine enge institutionelle Kooperation – zwischen Betreuer:in, Gesundheitsamt, Sozialstationen, psychiatrischen Diensten und spezialisierten Fachkräften – entscheidend. Grundsatz in allen drei Konstellationen: Supervision und Psychohygiene für die begleitenden Fachkräfte sind keine Kür, sondern Pflicht.
Das Messie-Kompetenz-Zentrum Stuttgart – Angebote im Überblick
Das 2016 von Veronika Schröter in Stuttgart gegründete Messie-Kompetenz-Zentrum® ist im gesamten deutschsprachigen Raum tätig und versteht sich als Brücke zwischen klinischer Praxis, Fachkräftequalifizierung und Forschung. Es richtet sich gleichermaßen an Betroffene und Angehörige wie an Institutionen und professionelle Fachkräfte.
Für Betroffene und Angehörige
Das therapeutische Angebot umfasst Einzeltherapie sowie Paar- und Angehörigenberatung. Ergänzt werden diese Formate durch Wochenendseminare und Jahresgruppen, in denen Betroffene ihre Isolation durchbrechen, positive Erfahrungen sammeln und sich gegenseitig auf dem Weg zur Veränderung stützen können. Grundlage all dieser Angebote ist die von Schröter entwickelte identitätsbildende integrative Messie-Therapie, die tiefenpsychologische, gestalttherapeutische und systemische Ansätze verbindet.
Für Institutionen und Fachkräfte
Für Einrichtungen und Fachdienste bietet das Kompetenz-Zentrum ein abgestuftes Fortbildungsangebot: über zweitägige Kompakt-Fortbildungen bis hin zur individuellen Konzeptentwicklung für die jeweilige Einrichtung unter Einbeziehung aller Berufsgruppen. Darüber hinaus sind Supervision und Teamcoaching für Mitarbeitende verfügbar. Fachvorträge runden das Angebot ab.
Weiterbildung zur Messie-Fachkraft nach Veronika Schröter®
Seit 2018 bietet das Messie-Kompetenz-Zentrum eine einjährige berufsbegleitende Weiterbildung zur zertifizierten Messie-Fachkraft an. Die Weiterbildung umfasst neun Module, darunter Themen wie Prägungsarbeit, Bindung und Bindungsstörungen, Psychopathologie, Differentialdiagnostik, Konzeptentwicklung und Kommunikation. Fachkräfte, die die Weiterbildung absolviert haben, sind in der Lage, Betroffene eigenständig und kompetent zu begleiten sowie institutionelle Handlungskonzepte zu entwickeln. Die Weiterbildung richtet sich an Fachkräfte aus dem psychosozialen Bereich – Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Heilerziehungspflege, Berufsbetreuung.
Neue Angebote seit 2026: Ärzte/Ärztinnen und Psychotherapeut:innen
Seit 2026 erweitert das Messie-Kompetenz-Zentrum sein Angebot gezielt für medizinische und psychotherapeutische Fachkräfte. Eine speziell konzipierte Fortbildung sowohl für Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten vermittelt vertiefte Kenntnisse zum Pathologischen Horten (ICD-11, Code 6B24), zur Ätiologie, zur Abgrenzung gegenüber Sucht- und Zwangserkrankungen sowie zu therapeutischen Interventionsansätzen. Perspektivisch ist zudem eine achtmonatige berufsbegleitende Weiterbildung für Therapeutinnen und Therapeuten geplant, in der die Behandlungsansätze weiter vertieft werden. Damit reagiert Schröter auf eine seit Jahren bestehende Versorgungslücke: Viele Betroffene kommen mit einer Fehldiagnose – oder gar keiner – zur Behandlung, weil das Krankheitsbild in den medizinisch-psychiatrischen Ausbildungsgängen bisher kaum verankert ist.
Fazit und Ausblick: Würde als Leitprinzip
Das Messie-Syndrom ist kein Randphänomen. Schätzungsweise 2,5 Millionen Menschen in Deutschland sind davon betroffen – und hinter dieser Zahl stehen Menschen, die jahrelang im Verborgenen leiden, die sich schämen, die sich zurückziehen, die sich keine Hilfe holen, weil sie fürchten, nicht verstanden zu werden. Oder weil die Hilfe, die sie bislang erhalten haben, sie nicht wirklich erreicht hat.
Die Anerkennung des Pathologischen Hortens als eigenständiges Krankheitsbild durch die WHO im Jahr 2022 ist ein wichtiger Schritt – aber er ist nur der Anfang. Was jetzt gebraucht wird, ist eine breite Qualifizierung der Fachkräfte, die täglich mit diesem Phänomen in Kontakt kommen: in der Suchthilfe, in der Sozialpsychiatrie, in der ambulanten und stationären Pflege, im Sozial- und Jugendamt. Sie brauchen das Wissen, um zu differenzieren – und die Haltung, um wirklich zu helfen.
Die Arbeit des Messie-Kompetenz-Zentrums und die therapeutischen Erfahrungen zeigen: Veränderung ist möglich. Nicht durch Aufräumen, nicht durch Druck, nicht durch behördliche Interventionen allein – sondern durch die Erfahrung, in der eigenen Geschichte gesehen, gehört und ernst genommen zu werden. Am Ende geht es um etwas sehr Elementares: die Würde des Menschen.
Im Chaos werden Rosen blühen. – Veronika Schröter
Angaben zur Autorin und Kontakt:
Veronika Schröter
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Messie-Kompetenz-Zentrum
Lange Straße 51
70174 Stuttgart
Telefon: 0711 90797560
E-Mail: info@messie-kompetenz-zentrum.de
www.messie-kompetenz-zentrum.de
www.veronika-schroeter.de
Literatur:
- Schröter, Veronika (2022): Messie-Syndrom und Pathologisches Horten – Das Praxisbuch. Stuttgart: Klett-Cotta.
- Schröter, Veronika (2017): Messie-Welten. Das komplexe Störungsbild verstehen und behandeln. Stuttgart: Klett-Cotta.
- Bowlby, John (2008): Bindung als sichere Basis. Grundlagen und Anwendung der Bindungstheorie. München: Ernst Reinhardt Verlag.
- Dettmering, Peter / Pastenaci, Renate (2004): Das Vermüllungs-Syndrom. Theorie und Praxis. 4. Auflage. Frankfurt/Main: Verlag Dietmar Klotz GmbH.
- Felton, Sandra (1996): Im Chaos bin ich Königin. Überlebenstraining im Alltag. 3. Auflage. Moers: Brendow Verlag.
- Rehberger, Rainer (2007): Messie – Sucht und Zwang. Psychodynamik und Behandlung bei Messie-Syndrom und Zwangsstörung. 2. Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag
- Steins, Gisela (2003): Desorganisationsprobleme. Das Messie-Phänomen. Lengerich: Pabst Science Publishers.
- Steins, Gisela u. a. (2004): Aber Messie bin ich noch! Eine Interventionsfallstudie zum Messie-Phänomen. Lengerich: Pabst Science Publishers.
- Weltgesundheitsorganisation (WHO) (2022): ICD-11 – Internationale Klassifikation der Krankheiten, 11. Revision. Code 6B24: Pathologisches Horten.

